Allein 31.500 Tonnen Beton schwer ist der Rohbau (rechts), der bis Frühjahr eingerissen, geschreddert und abtransportiert werden muss. FOTOS: FEESS

Die Demontage des 1978 bezogenen Landratsamtes in Esslingen läuft seit Mai. Der Rückbau, den der Bauschuttrecycler Feess aus Kirchheim/Teck ausführt, erfolgt so durchdacht (und personalintensiv), dass knapp 90 Prozent des damals verbauten Materials einer Wiederverwertung zugeführt werden kann. Dieser Wert dürfte dreimal so hoch liegen wie der bislang übliche Standard und spricht für das Verantwortungsbewußtsein des Kreistags. Dieser hat seinerzeit nicht nur einstimmig diese Form des Abräumens beschlossen, sondern auch, dass der Neubau, mit dem im Frühsommer 2023 begonnen wird, kreislaufgerecht errichtet wird. Insgesamt investiert der Landkreis in dieses Leuchtturmprojekt, das in der Bau- und Recyclingbranche bundesweit mit Spannung verfolgt wird, 130 Millionen Euro. Bis 2026 entstehen hier 675 modernen Arbeitsplätze.

Der Rückbau wird wissenschaftlich ausgewertet, um für künftige Abbruchprojekte daraus zu lernen.

Den Zuschlag als Generalunternehmen bekam die Ed. Züblin AG in Stuttgart. Aktuell demontiert Feess mit 30 Mitarbeitern das sechsstöckige Gebäude von innen. Ab Oktober wird der Rohbau mit 31.500 Tonnen Beton und 455 Tonnen Ziegeln abgebrochen. Das Gros der mineralischen Baustoffe – täglich bis zu 1800 Tonnen – wird dann direkt auf der Baustelle und auf den Feess-eigenen Wertstoffhöfen in Kirchheim und im Neckarhafen gebrochen, gesiebt und als Zuschlagstoff für ressourcenschonenden R-Beton wiederaufbereitet und zu den nächsten Betonwerken gebracht.

Das Glas von Fenstern und Innenwänden, Aluminium von Fenstern und Fassaden, Kunststoff, Bewehrungsstahl, Kupferkabel sowie ausgebautes Holz gehen je im Umkreis von maximal 15 Kilometern an weiterverarbeitende Betriebe, die die teils gigantischen Mengen recyceln. Mineralwolle, Dachpappe aus Bitumengemisch sowie Gipsdielen und -kartons in enormen Tonnagen gehen bis zu 200 Kilometer weit an Fachbetriebe, die ihrerseits möglichst viel Material aufbereiten und weiterverwerten. Schließlich werden 921 Tonnen Baumischabfälle deponiert. Somit werden mehr als 90 Prozent des Rückbaumaterials wiederverwertet.

Die Mitarbeiter der Verwaltung haben teils bereits im März Interimsbüros an mehreren Standorten bezogen, in denen sie bis Anfang 2026 bleiben. Diese Mieten belaufen sich bis dahin auf insgesamt 8,5 Millionen Euro. Der Neubau mit 33.000 Quadratmeter Netto-Raumfläche wird im Wesentlichen aus R-Beton gegossen. Weitere Komponenten sind Alu-Elementfassaden und Flachglas. Die C2C-zertifizierten Büro-Systemtrennwände bestehen aus Alu und Glas und machen jedes Geschoss komplett frei gestaltbar. So können über die Jahrzehnte Bereiche immer wieder umgewidmet, erweitert und angepasst werden.

Weitere Baugruppen sind Gipskartonwände und -decken, Heiz-Kühl-Deckensegel, Faserplatten- und Metalldecken, Estriche und Nass-Hohlraumböden, Natursteinbeläge aus Norwegen, der Schweiz und der EU sowie FSC-/PEFC-zertifizierte Holzbeläge. Ab Frühjahr 2026 kommen hier elf Ämter, die Kfz-Zulassungsstelle, die beiden Sitzungssäle sowie eine Kindertagesstätte und die Kantine unter. Im Süden grenzt das KfW-Effizienzhaus im Standard 40 an den Neckar.

Der Fluss wird eine Wärmepumpe speisen, in die Fassade wird eine PV-Anlage mit 75 kWp Leistung integriert und auf dem Dach eine zweite Anlage mit 375 kWp installiert, die den Neubau und e-Ladestationen für Pkw und Pedelecs mit Eigenstrom versorgen. Fernwärme für Warmwasser in der Küche und den Duschen sowie Lüftungsgeräte mit integrierter Kälte runden die Haustechnik ab. Federführend hat Ulrich Schweig, Experte für Nachhaltiges Bauen bei Züblin, das Konzept erstellt: „Alle Projekte zum kreislaufgerechten Bauen haben bei uns derzeit noch Pilotcharakter.“ 2008 hatte Züblin diese Abteilung gegründet, die eng mit der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zusammenarbeitet. Noch sei es mühsam, Partner mit C2C-zertifizierten Produkten für Fassaden, Innenwände oder Ausbaumaterialien zu finden und zu beauftragen.

Mit Feess hat Schweig für die Demontage des Altbaus eine Materialstrombilanz erstellt. Für den Neubau ist ein Material-Kataster geplant, das dokumentiert, von welchem Material wo wie viel verbaut ist. Gleich zwei Hochschulen forschen auf Initiative von Bauschuttrecycler Feess an dem Esslinger Leuchtturmprojekt: Am Lehrstuhl von Prof. Florian Schäfer für Bauprojektmanagement in Biberach erheben sieben Master-Studierende in Kooperation mit der Firma Feess, wie man Abbruchmengen möglichst präzise im Vorfeld an Hand von Plänen und einer Visitation erhebt. Von der Methodik, die zu verfeinern ist, erhoffen sich die Kirchheimer wertvolle Impulse für die künftige Kalkulation.

An der RWTH Aachen untersucht eine Doktorandin, die bei Feess schon länger einen geeigneten Auftrag angefragt hatte, die Gesamt-Ökobilanz eines solches Recyclingprozesses. Da hinein fließen auch die Diesel-Verbräuche von Baggern, Lkw und Brechern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Somit bringt die Esslinger Ausschreibung auch die Wissenschaft und die Baubranche signifikant voran, um die gesetzliche Vorgabe einer kreislauffähigen Bau- und Volkswirtschaft möglichst zeitnah zu erfüllen.

 

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