Eine Woche mein zuhause: Der Gutshof bei Petkus.

Nach meiner Premiere 2021 in Baruth-Petkus, 50 km südlich von Berlin, habe ich auch dieses Jahr eine Woche auf dem Gutshof der Umweltstiftung von Dieter Mennekes verbracht. Meine Schulfreundin Gabi und vor allem deren Partner und Forstwirt Thomas Gnann verwalten dort 3000 ha Wald, die der Sauerländer Unternehmer nach der Wende zusammengekauft hatte.

Etwas abseits des Teilortes Petkus liegt der Hof des Gutsverwalters mit einem Haupthaus, Nebengebäuden, Werkstatt und Garagen. Der gekieste Innenhof war während meines Aufenthalts mein „Arbeitsplatz“, da ich die weitläufigen Flächen vom reichlich wuchernden „Unkraut“ befreite, das nicht mehr chemisch bekämpft oder abgeflammt wird, was auch die Insekten im Boden töten würde.

Ich liebe diese anspruchslose Arbeit ohne PC und Smartphone, die meinen Kopf/Geist schont, mich meinen Körper spüren lässt und die etwas Meditatives hat. Zudem teilte ich mir die Arbeit selbst ein, so dass ich meist nach 40 bis 60 Minuten immer wieder Pause machte, um meinem Rücken und meinen untrainierten Fingern und Handgelenken eine Regenerationsphase zu gönnen. Tatsächlich arbeitete ich bereits am zweiten Nachmittag auch mit Links, um einer Sehnenscheidenentzündung vorzubeugen.

Thomas und Gabi führen die vier Jagdhunde aus. FOTOS: FROMM

In den Pausen las ich viel; fuhr mit meinen Gastgebern im Pickup in den endlos scheinenden Wald, den keine einzige asphaltierte Straße quert oder beteiligte mich an Gesprächen mit Gästen, die auf den Hof kamen, um mit dem Verwalter etwas zu besprechen, die Werkstatt zu nutzen oder ein Gerät brachten oder holten. Zünftige Mahlzeiten oder Nickerchen am Mittag waren weitere Highlights meines Aufenthalts.

Neben den vier Jagdhunden Emil, Martha, Walli und Gretl, die wir täglich zumindest abends ausführlich ausführten, waren fünf Hühner unsere Ansprechpartner, die im Schnitt täglich vier Eier legen. Deren Gehege gleicht einer Festung, streunen doch in der Nähe Füchse und Marder und aus der Luft halten Greifvögel Ausschau nach leichter Beute. Selbstverständlich ist hier auch der Wolf ein Dauerthema, der aber offenbar das weitläufige Revier nur quert.

An mehreren Stellen im Wald, wo Teiche oder Salzlecksteine sind oder gelegentlich Überreste von Wild und deren Innereien deponiert werden, hat Gabi Kameras mit Selbstauslöser installiert, die gigantische Fotos liefern von Seeadlern, die die Beute holen; Wildschweinfamilien, die saufen und sich suhlen oder Rotwild, das sich am Salz labt. Oft stehen im Vorder- oder Hintergrund weitere Tiere, z.B. Füchse, die das Schauspiel beobachten oder ihrerseits auf Beute spekulieren.

Die Dorfkirche hat schon viel erlebt. Links vom Altar ist die Loge der von Lochows, die den Ort schon immer prägten und heute wieder ihr Gut hier verwalten.

In einer Nacht hörte ich im Halbschlaf einen Schuss. Tags darauf verbreitete sich im Ort wie ein Lauffeuer, dass ein Jäger einen Hirsch mit 170 Kilo Gewicht und mächtigem Geweih erlegt habe, der 14 Jahre alt gewesen sein dürfe. Nur 300 Meter entfernt wurde tags darauf ein weiterer kapitaler Hirsch erlegt, sodass beide Schützen freitags im Dorfgemeinschaftshaus ihre Trophäen ausstellten und die Dorfgemeinschaft zum Umtrunk samt Bockwurst einluden. Mit Thomas war ich selbstverständlich dabei und nach dem zweiten, dritten Bier (und Kräuter-Schnaps) waren die Zungen gelöst, um auch heikle Themen anzusprechen.

So erzählten die erfahrenen Jäger, dass der Wald „so grün wie nie mehr gewesen“ sei, solange die Russen zu Tausenden im Forst stationiert waren samt ihren Panzern, mit denen man im Ernstfall schnell West-Berlin eingenommen hätte. Der Grund: Die Soldaten schossen in ihrer Langeweile und ihrem Selbstverständnis als Besatzer auf alles, was sich in den Weiten der Wälder bewegte. Die Einheimischen waren dagegen streng reglementiert, wann und was sie jagen durften. Mehr noch: Sämtliche Jäger mussten sich drei Gewehre teilen, weil die Regierung ihrem eigenen Volk nicht traute.

Die Schützen im Dorfgemeinschaftshaus mit ihren Trophäen.

Ein ergreifender Moment war für mich der Besuch der kleinen Dorfkirche, die topp renoviert ist. Sie war am Samstag nur deshalb offen, weil die Mesnerin für die Investitur der neuen Pfarrerin den Sakralraum mit Blumen schmückte. Mit „Großer Gott wir loben Dich“, das ich in das Kirchlein schmetterte, bedankte ich mich beim lieben Gott, dass der christliche Glaube und dieser geweihte Ort nicht nur das „1000-jährige Reich“ der Nazis überlebt hat, sondern auch den Hochmut der Kommunisten, die mit ihrem „sozialistischen Bruderstaat“ die Menschen drangsalierten und bespitzelten.

Schließlich fielen in der Nacht und an meinem Abreisetag noch gut 20 Liter Regen je Quadratmeter, was Land und Leute nach bald sechs Monaten Trockenheit dringend brauchten. In dieser Woche habe ich wieder viel gelernt über nachhaltige Waldwirtschaft, die Bedeutung der Jagd und die Rückkehr des Wolfes. Ich werde wiederkommen, wenn ich darf. So erholsam war schon lange keine Woche mehr in meinem Leben – und An- und Abreise mit der Bahn haben irgendwie auch geklappt.

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