Die Bahnbus-Tochter Deutsche Autokraft ist ein wichtiger Kooperationspartner vom AM, um ins Massengeschäft zu kommen. FOTO: PR

Die Transformation unserer fossilen Industriegesellschaft in eine CO2-neutrale, die sich kreislauffähig (Bauen, Produzieren, Verpacken etc.) und regenerativ (Mobilität, Heizen etc.) gestaltet, ist in vollem Gang. Jüngstes Beispiel eines Dienstleisters, der sich selbst als Technologieführer versteht: Die Alternative Mobility GmbH (AM) in Enge-Sande an der deutsch-dänischen Grenze ist in drei Geschäftsfeldern präsent: Seit 2021 rüstet das Start-up Dieselbusse auf E-Antrieb um, ab 2023 verkauft es weltweit Umrüstsätze und schult die Mitarbeiter seiner Kunden vor Ort, und schließlich rüstet der inhabergeführte Mittelständler künftig auch Fahrzeuge auf Wasserstoffantrieb um.

International gut vernetzt und strategisch versiert: AM-Chef Al Damrawy

Für internationalen Schwung in der kapitalintensiven Branche sorgt seit Juni 2021 Ahmed Al Damrawy. Der deutsch-ägyptische Geschäftsführer bringt 28 Jahre Berufserfahrung im internationalen Management mit. Bei der EU war er für nachhaltige Entwicklung zuständig. In Nordafrika hat er sich mit alternativer Mobilität im Mittelmeerraum befasst.
Im zurückliegenden Geschäftsjahr, das von Pandemie und Lieferengpässen geprägt war, hat AM zwei Busse umgerüstet. Ein dritter befindet sich aktuell in der Integrationsphase. Die Fahrzeuge befördern Schüler und Mitarbeiter des Unternehmens. Weitere Umrüstungen für den Lieferverkehr sind in Planung. Bis Ende 2023 sollen 50 bis 100 Fahrzeuge umgerüstet sein, wobei AM vor allem Partner schult, dies zu können.

„Zwei unserer Kooperationspartner sind die Offtec und die Deutsche Autokraft GmbH, die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn AG, die deren Regionalbusse betreibt“, sagt Damrawy, der sich ein internationales Netzwerk potentieller Kunden und Vertriebspartnern aufgebaut hat. „Die Branche ist so kapitalintensiv, dass man strategisch klar positioniert sein muss, um als Mittelständler langfristig bestehen zu können“, sagt der Geschäftsführer, der auch für die Weltbank in Washington, eine Unternehmensberatung im Nahen Osten und die Leitung einer Berufsbildungsorganisation in Südostasien tätig war.

Die Nürnberger Leasing-Gruppe (NL) sorgt als Mehrheitsgesellschafter dafür, dass die notwendige Liquidität dauerhaft gesichert ist. Über sie können die Bausätze geleast werden. Deren Inhaber Ferdinand Dorn, der inzwischen ein Finanzierungsvolumen von 600 Millionen Euro verantwortet, einen Großteil davon im Mobilitätsbereich, z.B. im Schienenverkehr und bei Schiffen, hat seit Jahrzehnten persönlich beste Kontakte nach Thailand und spricht die Sprache.

AM besteht aus einem kleinen Team von Spezialisten und mobilisiert durch die Vergabe von Unteraufträgen Dutzende anderer Fachkräfte, die das Unternehmen braucht, um seine Ziele zu erreichen und die Fixkosten gering zu halten. Die mechanischen Umbauten führt ein Partnerunternehmen aus, so dass das Start-up auch keine eigene Halle benötigt.
„Elektronik, Software und Programmierung, die zwei Drittel der Wertschöpfung ausmachen, erbringen wir komplett selbst“, beschreibt Damrawy die Arbeitsteilung. Seine Organisation wachse mit dem Markt. „Derzeit prüft jeder Kunde unsere Qualität, Leistung und Lieferfähigkeit ohnehin nur mit zwei oder drei Aufträgen“, sagt der AM-Chef. Die großen Aufträge mit 20, 50 oder 100 Bestellungen pro Kunde kämen ab 2024.

Bis dahin werde sich auch der unübersichtliche Markt gelichtet haben, auf dem er allein in Deutschland wohl bis zu 20 Mitbewerber hat. Das ändere sich fast wöchentlich, sagt er, weil Anbieter aufgeben, fusionieren oder aufgekauft werden. Damrawy: „Ständig geht irgendwo einer Pleite, und woanders fängt jemand neu an.“ Deutschland sei Markt- und Technologieführer in der Thematik, dicht gefolgt von Frankreich und England. Für AM spreche nicht nur, dass das Unternehmen viele Premium-Lieferanten hat und inzwischen über viel Know-how und Praxis verfügt.
Im dritten Bereich, der Wasserstofftechnologie, ist das schleswig-holsteinische Unternehmen Partner in einem von der EU geförderten Projekt, an dem zwölf Firmen mehrerer EU-Länder beteiligt sind. Das Projekt „Hydrogen Fuel Cell Powered Coaches for Regional and Long Distance Transport with Energy Optimized Drives and Cost Optimized Design“ wird direkt von der Europäischen Kommission in Brüssel unterstützt.

Hauptziel des Projekts ist es, Lösungen für die Herausforderungen des öffentlichen und gewerblichen Nah- und Fernverkehrs im mittleren Leistungsbereich aufzuzeigen, indem sechs Brennstoffzellenbusse in zwei Regionen in Lettland und Frankreich in zwei- bis dreijährigen Demophasen entwickelt und betrieben werden. Es werden zwei Arten von Bussen untersucht: Zum einen ein OEM-basierter, neu gebauter Brennstoffzellenbus und zum anderen eine Nachrüstung bestehender Busse, um Lösungen für die Zweitverwendung von ökologisch veralteten Busfahrgestellen einzubeziehen.

Damrawy verhandelt derzeit mit der EU und europäischen Baupartnern darüber, dass AM die Federführung für die Nachrüstkomponenten des Projekts übernimmt. Mit seinen guten Kontakten in Brüssel und seinem Verhandlungsgeschick war es Damrawy gelungen, AM in das prestigeträchtige EU-Projekt zu führen. Die Daten, die hierbei mittelfristig gesammelt werden, und das Fachwissen, das einfließt, werde AM helfen, auch Wasserstoff-Kits zeitnah liefern zu können. Die Förderung bedeutet, dass zudem 80 Prozent der Kosten erstattet werden.
Laut dem Chef ist das Team bereits in der Lage, verschiedene Serien von MAN- und Mercedes-Bussen oder anderer Hersteller auf e-Antrieb umzurüsten. Intern arbeite das Start-up an der Serienproduktion und entwickele eine solide Dokumentation, die es Partnern auf der ganzen Welt ermögliche, die Starter-Kits zu implementieren. Damrawy: „Unsere Kits werden an die Bedarfe unserer Kunden angepasst und entsprechen auch in Entwicklungsländern den sozio-wirtschaftlichen Bedürfnissen der betroffenen Staaten.“

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