Ob Firat Arslan auch kommenden Samstag in Göppingen jubelt? Dann wäre der 49-Jährige der älteste Weltmeister aller Zeiten. FOTOS: PR

Vier Verbände weltweit, die untereinander konkurrieren; 17 Gewichtsklassen, in denen je Weltmeister ermittelt werden; teils umstrittene Boxevent-Manager, die vorrangig Geld mit dem Faustkampf verdienen wollen und TV-Sender und andere Medien, die vor allem an Quoten und Schlagzeilen interessiert sind, bilden das Umfeld, in dem professionellere Athleten denn je ihren Sport ausüben und idealerweise den Besten ihrer Gewichtsklasse weltweit ermitteln. Kommenden Samstag boxt der 49-jährige Donzdorfer Firat Arslan vermutlich ein letztes Mal in seiner 30-jährigen Boxkarriere in der Göppinger EWS-Arena um die Weltmeisterschaft im Cruiser-Gewicht.

Dort werde ich dabei sein, zumal ich den Deutsch-Türken seit 2005 kenne und für seine Disziplin bewundere. Nicht zuletzt durch ihn habe ich tiefe Einblicke in eine mir zuvor fremde Welt gewonnen, in der es vereinzelt Vorwürfe in Sachen Doping, Bestechung von Kampfrichtern oder Skandale im privaten Umfeld von Boxern gibt, wie diese in allen prominenten Gesellschaftskreisen und Sportarten stattfinden, Stichwort Jan Ullrich im Radsport. Machten einerseits Gentleman-Typen wie Henry Maske oder die Klitschko-Brüder den Faustkampf in den 1990er-Jahren salonfähig und TV-tauglich, so lebte die inszenierte Boxwelt immer auch von den zwielichtigen Typen und bösen Buben wie Mike Tyson oder Graciano Rocchigiani.

Dass dabei von Marketingexperten vieles inszeniert war und ist, um das Medieninteresse zu befeuern, das wiederum eng mit Sponsoren und Werbeverträgen zusammenhängt, ist das eine. Ein anderer Teil dieser Wahrheit ist, dass wer auf nationalem und internationalem Niveau in den Ring steigt, nebenbei keinem bürgerlichen Beruf nachgehen kann, weil er nach dem täglichen Training so ausgepowert ist, dass es allenfalls noch reicht, als Türsteher vor einer Diskothek oder einem Bordell zu arbeiten oder bei einem Inkasso-Unternehmen den Geldeintreiber zu begleiten.

Vor allem von diesen Berührungspunkten rührt der Ruf des Halbseidenen her, der dem Boxsport seit der Neuzeit anhängt. Hinzu kommt, dass sich (käuflicher) Sex und der Faustkampf Mann gegen Mann aus denselben archaischen Wurzeln speisen: Macht und Dominanz. Und durch die Globalisierung wurden die Biographien deutscher Boxer immer internationaler: Ein Luan Krasniqi aus dem Kosovo, bester Kumpel von Cruiser-Gewichtsboxer Firat Arslan aus Donzdorf, wäre als Versicherungsvertreter vermutlich nie Millionär geworden. Als talentierter und ambitionierte Faustkämpfer im Schwergewicht boxte sich der Rottweiler dagegen in die Herzen seiner deutschen Landsleute, wurde 2002 Europameister und schaffte es als nationales Vorbild sogar in die Neujahrsansprache von Bundespräsident Horst Köhler.

Ex-Weltmeister Arslan wie Krasniqi wollten niemals, dass ihre Kinder als Boxer ihr Geld verdienen. Brauchen sie auch nicht. Denn die Väter haben über die – oft demütigende – Ochsentour als Sparringspartner und Aufbaugegner bei kommerziellen Fights zunächst in England oder Las Vegas den sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg geschafft. Hört man genau hin, halten die vielsprachigen Box-Migranten – Arslan war in den 1970er-Jahren der Sohn einer alleinerziehenden Türkin, die als Fabrikarbeiterin in der Textilbranche ihr karges Auskommen hatte – uns bürgerlichen Voyeuristen sehr wohl den sozialkritischen Spiegel hin.

Krasniqi meinte einmal in einer Trainingspause: „Wir halten für euren Nationalstolz die Knochen hin. Ihr würdet uns aber nicht mal anschauen, würden wir im Ring keine Kämpfe gewinnen und Titel holen.“ Weil aber nicht die Intelligenz der Boxer im Mittelpunkt stand, sondern die vermeintliche Geschäftstüchtigkeit von Box-Promotern, hat die Sportart ihre TV-Präsenz mit monatlichen Live-Übertragungen in ARD (Universum) und ZDF (Sauerland) längst verloren. Selbst RTL zog sich zurück. Dabei faszinieren diese von Athletik, Schnelligkeit und Taktik geprägten Fights noch heute viele Sportinteressierte.

Firat Arslan (l.) wie man ihn kennt: Der Linksausleger geht im Vorwärtsgang ein extrem hohes Tempo, um den Gegner müde zu machen.

In der Göppinger EWS-Arena mischen sich dann die angegrauten Dauerkartenbesitzer von Handball-Erstligist Frisch Auf unter die meist jungen Besucher von Kampfsportschulen, die Bodybuilder jeglichen Alters oder auch die mehr oder weniger organisierten Biker, teils aus dem legendären Milieu, die bevorzugt am Ring sitzen oder dort teils als Ordner engagiert sind.
Hinzu kommen jede Menge Landsleute der Herkunftsethnie des jeweiligen Boxers. Sind es bei Arslan Türken, waren es bei Krasniqi Kosovo-Albaner und sind es bei anderen Kämpfern Armenier, Ukrainer und andere Osteuropäer, wie überhaupt viele Rußlanddeutsche solche Duelle ansehen, in deren Herkunftsland es dafür eine Tradition gibt. Und während sicher 70 Prozent der Zuschauer Männer sind, hat die Atmosphäre in der Halle eher Volksfestcharakter: Fröhlich, ausgelassen, friedlich.

Weil ein Boxabend aus sieben, acht Kämpfen besteht, die üblicherweise über sechs bis zwölf Runden zu je drei Minuten gehen, kann sich der Zuschauer-Novize allmählich an das brachiale Ambiente gewöhnen, in dem aus Gründen der Choreographie oft auch Blut fließt, was manche Zuschauer anlockt. Ab 22 Uhr beginnen in der Regel die relevanten Kämpfe. Über vier, sechs oder acht Runden zu je drei Minuten tasten sich Amateure, deren drei Runden zuvor nur über zwei Minuten gehen, in das Profilager vor. So sammeln sie Erfahrung und sortieren sich in die Weltranglisten der Boxverbände mit ihren oft 1000 Namen ein, aus denen dann die Paarungen im Kontext finanzieller und terminlicher Aspekte gebildet werden.

Sehr oft treten Anfänger sogar gratis an und tragen eventuell noch ihre Reisekosten selbst, nur um ihre Chance für bessere Platzierungen auf den Weltranglisten zu bekommen. Deshalb ist auch bei den Börsen, die Champions vermeintlich einstreichen, das Meiste Fantasie. Denn selbst innerhalb eines Boxstalls, wie sie um 1920 in den USA aufkamen, um das Business zu organisieren, bleibt der Boxer selbstständiger Unternehmer. Je nach Vertrag zahlt er den Trainer, den Physiotherapeuten, die Sparringspartner in der Phase vor dem Kampf oder das Trainingslager selbst.

Diese Kosten refinanziert der Profi aus den Kampf-Börsen, die er zwei- bis dreimal pro Jahr hat. Diese Rahmenbedingungen sind mit ein Grund, weshalb kaum ein Boxer aus Deutschland stammt oder hier lebt. Denn in Osteuropa oder Südamerika sind all diese Kosten deutlich günstiger. Mit dem Erfolg rückt der deutsche Pass in Reichweite und Athleten wie Artur Abraham oder Felix Sturm deutschen ihre Namen ein.

Wer Boxen als primitiv abtut, übersieht, dass die meisten Boxer heute intelligente und disziplinierte Menschen sind, die akribisch Kraft, Schnelligkeit, Technik und Ausdauer trainieren, einen asketischen Lebenswandel führen und dabei über eine starke Psyche und kaufmännische Kenntnisse verfügen müssen. Deshalb gehört Boxen neben dem Zehnkampf zu den anspruchsvollsten Sportarten und viele Kämpfer sind exzellente Schachspieler, vielsprachig und belesen, weil sich ihre vom Training müden Körper nach geistiger Arbeit sehnen.

Der kluge Boxer will sich auch nicht prügeln, sondern betreibt seinen Sport taktisch wie Schach und geht dabei respektvoll mit seinem Gegner um. Firat Arslan, bekannt für seine kompakte Doppeldeckung auf Kopfhöhe und den muskelbepackten Rumpf, der ihn vor schweren Treffern schützen soll, hat einmal gesagt: „Beim Boxen geht es darum, Treffer zu vermeiden. Wer das länger und besser vermeidet, gewinnt üblicherweise.“ Tickets für die Göppinger Fightnight, die um 18 Uhr beginnt, gibt es für 29 bis 200 Euro bei Easyticket online oder an der Abendkasse. Mehr als 5000 Besucher werden erwartet.

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