Diözesan-Männerreferent Christian Kindler interviewt im Plenum Männer zu ihren Motiven, warum sie gekommen sind. FOTOS: FROMM

Das Zehn-Punkte-Manifest von Björn Süfke gipfelt in der Aussage: „Männer, emanzipiert euch!“ Vorgetragen hat es der Bielefelder Männer-Coach und Psychotherapeut am Samstag beim 74. Diözesan-Männertag in Untermarchtal, an dem auch ich zum zweiten Mal teilgenommen habe. Dessen Wurzeln liegen in der Nachkriegszeit, in der der Bischof den vom Zweiten Weltkrieg desorientierten katholischen Männern in erbaulichen Vorträgen neue Orientierung bieten wollte. Heute setzt das Treffen, bei dem auch schon Franz-Josef Strauß und Walter Kohl sprachen, eher erlebnispädagogische und psychologische Akzente.

Rund 80 Männer aus der ganzen Diözese haben sich zum Thema „Männer.Rollen.Wandel“ zwei Tage in dem Bildungshaus bei Ehingen/Donau zu ihrer Emotionalität inspirieren lassen und in acht Workshops praktische Erfahrungen gesammelt. Da wurden meditiert, mit dem Schlagstock die Wut ausagiert, in der Bibel Vorbilder gesucht oder das eigene Mann-sein hinterfragt. Den Boden dafür bereitete der promovierte Psychologe und mehrfache Buchautor Süfke, der am Samstag 90 Minuten referierte und dabei den ständigen Austausch mit seinen Zuhörern suchte und leicht fand.

Wenn der 47-Jährige die Männer zur Emanzipation auffordert, so meint er damit nicht den Geschlechterkampf, sondern die Überprüfung ihrer Erziehung und Prägung durch Eltern, Lehrer und gesellschaftliche Konventionen, wie ein Mann zu sein habe. „Wer immer nur in Abgrenzung zum eigenen Vater lebt, in dem er das Gegenteil macht, ist auch nicht frei,“ sagt der Vater dreier Kinder, der sich Erziehung und Haushalt konsequent mit seiner Frau teilt und dabei offenbar viel Diskriminierung erlebt.

Der mehrfache Buchautor lässt durchblicken, dass er selbst einen dominanten Vater hatte und spricht vom „Gesetz der traditionellen Männlichkeit“. Das sei ein Kodex, der nirgendwo schriftlich fixiert ist, aber alle Männer kennten ihn. Im Kern besage er: Männer haben keine Gefühle zu haben. Und wer gegen diese Regel verstößt, der werde sozial ausgegrenzt. Diese Norm sitze so tief, dass sich Männer, die dagegen verstoßen, zum Beispiel durch Versagen, selbst bestrafen: Im leichtesten Fall durch (Selbst-)Abwertung, im schlimmsten durch Suizid. „Drei Viertel aller Selbstmörder sind Männer, die sich selbst richten,“ zitiert Süfke die Statistik. Wegen dieses Kodexes werteten Männer Gefühle ab und stellten sich damit letztlich über die Frauen.

Die Folge dieser ungesunden Lebensweise: Männer stürben sieben Jahre früher als Frauen, weil sie etwa durch Drogen, Sport oder Leistungsdruck ihre Gefühle verdecken und somit gefährlicher leben. Süfkes Lösung: „Wir brauchen eine Rebellion gegen das männliche Gefühlsverbot.“ Im Kern gehe es also darum, die Zumutung dieser Norm abzustreifen. Als aber Sebastian Schweinsteiger nach seinem Abschiedsspiel mit der Fußball-Nationalmannschaft öffentlich geweint hat, haben die Medien am nächsten Tag „die neue männliche Weinerlichkeit“ thematisiert, gibt der Psychotherapeut ein Beispiel, wie kollektive Abwertung funktioniert, wenn ein Mann den Kodex verletzt.

Und weil Gefühle mit Frauen verbunden werden, sei Männern alles verboten, was mit Frauen assoziiert wird. Daher rühre etwa die Phobie gegen Homosexualität. Denn Männer zu lieben, sei den Frauen vorbehalten. Süfkes Korrektur des Mißverständnisses, das seine Wurzeln in der Ausbildung von Jungs zu Kriegern und Soldaten habe: „Frauen haben kein Monopol auf Fürsorglichkeit und Männer kein Monopol auf Durchsetzungskraft.“ Es sei menschlich, zu versagen, weil niemand perfekt ist. Diese Botschaft sollten Eltern ihren Kindern mitgeben.

Der Vortrag löste jede Menge Redebedarf bei den Zuhörern aus, der in den Workshops seinen Raum fand, die am Sonntag morgens fortgesetzt wurden. Vor dem Mittagessen gestalteten die Männer miteinander eine Andacht, in der sie selbst in die Rollen der zwölf Stämme Israels schlüpften und dabei ihre zwölf Sprecher die Archetypen nach C.G. Jung – König, Krieger, Magier und Liebhaber – repräsentierten. Einzelne Teilnehmer kommen seit 40 Jahren, weil sie die Gemeinschaft unter Männern suchen. Das jährlich wechselnde Thema unter dem der Diözesantag steht, ist deshalb für die meisten nachrangig. Und während die 60- bis 70-Jährigen oft die Kindheit aufarbeiten mit einem Vater, der als Soldat im Krieg war, beschäftigt Jüngere die Scheidung der Eltern, etwa das Aufwachsen ohne Vater. Und mancher 40-Jährige ist da, weil er ein Kind verloren hat, seine Ehe kriselt oder er erst gar nicht in eine Krise kommen möchte.

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