„Wir alle können etwas ärmer werden, damit es für alle reicht.“ Diese Botschaft lebt und verkörpert Jorge Mario Bergoglio wie kein Papst vor ihm. Bei seiner Wahl 2012 als erster Südamerikaner wählte der mittlerweile 82-jährige Jesuit den Namen Franziskus, den noch kein Papst vor ihm angenommen hatte. Denn programmatisch steht der Name des Heiligen aus dem 12. Jahrhundert für radikale Armut, Brüderlichkeit auch mit allen Tieren und Pflanzen, also „der Natur“, und Versöhnung mit dem Islam.

Als Kinofilm von Wim Wenders im Juni 2018 präsentiert, läuft die 90-minütige Dokumentation teils in Kirchengemeinden, die sich inspirieren lassen wollen vom „Papst der Herzen“. Und tatsächlich war ich jüngst den Tränen nahe als ich den Film in einem solchen Setting mit 21 anderen Gläubigen sah: Der Papst in Auschwitz und in Yad Vashem mit KZ-Überlebenden, auf den Philippinen bei tausenden Obdachlosen nach einem Tsunamie, in einer Haftanstalt mit hunderten Gefangenen, an den Betten Sterbender in Kliniken und Hospizen.

Der alte Mann im weißen Talar mit dem gütigen Blick ist für die Menschen da. Seine Präsenz wirkt, gibt den Leidenden Hoffnung, weil er in bedingungslose Beziehung geht. „Die größte Versuchung ist der Reichtum und dem erliegen auch viele Priester,“ sagt der Papst im Interview in ruhigem Ton, bei Audienzen im Petersdom oder im Kreis der Kardinäle. Und während die Massen ihm zujubeln, sind die Minen der Eminenzen und Exzellenzen eher versteinert, wenn ihnen ihr Mitbruder Bergoglio die Heilige Schrift auslegt, den sexuellen Mißbrauch durch Kleriker geißelt oder deren „spirituellen Alzheimer“.

In der UN-Vollversammlung oder im US-Kongress verdrücken hart gesottene Botschafter und Senatoren Tränen, wenn sie den Papst von der Liebe sprechen hören. Und für einen Moment scheinen sie ihm zu glauben und folgen zu wollen, wenn er sie ermahnt, den Waffenhandel und den Raubbau an der Natur zu beenden. Denselben Effekt löst der Papst bei Häftlingen aus, deren Verletzungen die Verletzungen der Welt seien. Der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde, sei der erste Heilige der Kirchengeschichte gewesen, weil er Jesus geglaubt und bereut habe, so sein Zuspruch zu den Mördern und Räubern.

Tief bewegt tauschen sich nach dem Film acht (!) Gläubige, darunter ich als Auswärtiger, aus. „Den Film müsste man allen Politikern und Bischöfen vorspielen,“ lautet eine der ersten Wortmeldungen und ich merke rasch, dass das Gespräch keine produktive Richtung nimmt. Statt bei ihren Gefühlen zu bleiben, robben sich die Anwesenden ins Handeln zurück: Man müsse den Eine-Welt-Laden besser unterstützen, man müsse mehr öffentlich machen, Druck machen. Ich will mich einbringen: Es gehe nicht darum, was andere tun sollten. Mir falle auf, dass hier so viel in Appellen und Imperativen gesprochen wird, was man alles MUSS.

Mein Ansatz sei, miteinander in Beziehung zu gehen und mir meine eigenen Schatten anzuschauen: Meine Lieblosigkeit. Meine Hektik. Meine Konsumgewohnheiten. Mein Verhältnis zu Geld, Besitz, Macht. Etc. Dann spüre ich, was ICH tun kann, will – und muss. Denn tatsächlich war mir während des Films in den Sinn gekommen, wo ich zusätzlich 5000 Euro spenden will und mit wem ich endlich Frieden schließen will. Zum Glück endet die Aussprache rasch in Sprachlosigkeit, so dass ich diese kraftlose Gemeinschaft verlassen kann. Meine Trauer über diese Erfahrung mit vermeintlich gleichgesinnten Mitchristen, die auf der Sach- und Macherebene bleiben, nehme ich mit. Und meine Verbundenheit mit dem Papst. Der gibt mir neue Kraft und motiviert mich, in Liebe und Zuversicht zu bleiben.

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