Lesen: Kein Privileg der Gebildeten, sondern allgemeines Kulturgut, wenngleich vernachlässigt.

Die Dummheit und der Versuch, sie zu überwinden, liefern sich seit Jahrtausenden ein Wettrennen. Dazu muss man wissen, dass die Dummheit stets einen kleinen Vorsprung hat, weil die Klugheit immer erst reagieren kann, wenn die Dummheit gehandelt hat. Deren Übungsleiter sind übrigens Ignoranz, Gier, Geltungssucht, Stolz und viele andere Dämonen. Das Streiflicht der Süddeutschen hat sich jüngst (04.03.2022) die Mühe gemacht, die Dummheit zu kategorisieren.

Demnach gibt es die liebenswürdige Dummheit, die wir etwa fälschlicherweise Tieren unterstellen; dazu zählen auch Einfalt oder Leichtsinn, wenn etwa ein geographisch wenig interessierter US-Rockstar, der in Peru ein Konzert gibt, den jubelnden Fans zuruft, er liebe Chile. Gravierend aber wird Dummheit, wenn von ihr Gefahren ausgehen, z.B. bei Trunkenheitsfahrten oder unkalkulierbaren Risiken.

Eine Steigerung der Dummheit ist das boshafte Handeln, bei dem die Folgen nicht zu Ende gedacht werden, z.B. beim Mobbing anderer, das dessen Psyche brechen kann. Der Zenit ist erreicht, wenn Boshaftigkeit sich mit Dummheit verbündet, denn dann ist der Dumme „auch zu allem Bösen fähig“, wie der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer gegen das Dritte Reich, Dietrich Bonhoeffer, in „Widerstand und Ergebung“ schreibt. Denn dieser Dumme ist nicht mehr fähig, das Böse zu erkennen.

Bonhoeffers Conclusio: Entscheidend sei, ob sich Machthaber mehr von der Dummheit ihrer Untergebenen oder von deren innerer Selbstständigkeit und Klugheit versprechen. Adolf Hitler und Wladimir Putin setzen mehr auf unsere Dummheit. Das Streiflicht der Süddeutschen dagegen ist sich sicher: „Wenigstens dieser Dummheit sollten die Menschen immer voraus sein.“ Wir werden sehen.

In diesen Kontext gehören, das möchte ich als Theologe und bildungshungriger Mensch anmerken, auch die Kardinaltugenden nach Thomas von Aquin, wie etwa Klugheit (Prudentia) oder Mäßigung (Temporantia), die bereits auf die griechische Antike zurückgehen. Oder in der Umkehrung die sieben Todsünden, zu denen Neid ode Gier gehören. Man kann ja über die katholische Kirche viel sagen: Aber Bildung und Selbstreflexion hat sie auch in die Welt gebracht. Schade, dass die Theologen es vielfach nicht mehr verstehen, faszinierend zu predigen. Ich hing als Schüler regelrecht an den Lippen gebildeter Priester und später als Student an den Lippen meiner Professoren in Philosophie, Dogmatik, Ethik oder Fundamentaltheologie. Meine Wahrnehmung: Wir verblöden tatsächlich immer mehr und stumpfen ab.

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