Gut recherchiert und plausibel argumentiert: Blumes soziokulturelle These zu den rebellischen Alpenbewohnern.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, unterscheidet bei Covid-19-Leugnern und Impfverweigerern vier Stufen der Verwirrung: Auf der ersten Stufe hat man gehört, es könne beim Impfen zu negativen Nebenwirkungen kommen, weshalb der Vorsichtige oder Kritische erstmal zögert.

Auf der zweiten Stufe reicht die Skepsis schon in das Reich der Verschwörungsmythen. Da geht es dann „um die Interessen der Pharmalobby“, um „die Regierung“, US-Milliardär Bill Gates werden Interessen an der „angeblichen Pandemie“ angedichtet und Ähnliches. Das ist laut dem 45-jährigen Religionswissenschaftler, der dazu der „Süddeutschen“ ein Interview gab, „noch diffus und uneinheitlich“.

Ab Stufe drei aber, so Blume, werden die Mythen zu einem geschlossenen Weltbild verdichtet, das antisemitisch gefärbt ist. „Die Juden“ steckten dahinter, „die Rothschilds“ oder „der Staat Israel“. Auf der vierten und letzten Stufe sehnen sich „Querdenker“ und Impfgegner nach einer Tyrannophilie. Nun muss ein politischer Erlöser her, der die globale Verschwörung zerschlägt.

Ihn haben in den USA viele in dem Republikanischen Präsidenten Donald Trump gesehen oder sehen hierzulande viele Reichsbürger und Neonazis in einem neuen König oder Führer. Populisten bedienen diese Schwingungen und Sehnsüchte, die ihren Ursprung in einer sehr komplexen Welt haben, die der Einzelne nicht mehr durchdringt, durch Andeutungen, Spekulationen, vermeintlich kritische Fragen („man wird ja wohl noch fragen/sagen dürfen….“) und letztlich Fake-news, mit denen man seriöse und wissenschaftliche Erkenntnisse demontiert.

Letzteres machen Faule und Dumme, denen es zu mühselig ist, oder Benachteiligte, die dazu nicht die Chance hatten, echte (Allgemein-)Bildung zu erwerben, täglich anspruchsvolle Zeitungen zu lesen etc. oder gebildete Verlierer aus dem etablierten Milieu, die es dort als „schräge Vögel“ nicht bis an die Spitze schafften und nun in ihrem Frust und ihrer Geltungssucht eben gegen das „etablierte System“ arbeiten, um ihre früheren Verhinderer zu ärgern. Adolf Hitler war z.B. so ein Loser von der Hinterbank. Auch bei der AfD oder den Querdenkern identifiziere ich diese Typen.

In diesem Kontext interessant ist auch die Studie der Uni Basel, die für die Heinrich-Böll-Stiftung die Wurzeln der „Querdenker“ untersucht hat. Diese speisen sich aus drei Milieus: Den Anthroposophen, für die sinnbildlich die Waldorfszene steht; den religiösen Eiferern, die sich in Freikirchen (evangelischerseits) und in der Orthodoxie (katholischerseits) tummeln; und schließlich der Naturschutzbewegung, für die exemplarisch Die Grünen stehen.

Blume meint dazu, das Impfthema bilde nun eine giftige Allianzen zwischen Rechten und Linken. Der Religionswissenschaftler forscht seit Jahren zu Querdenkern, Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Seine These: Bedingt durch die Alpen seien Schweizer, Österreicher, Südtiroler und Süddeutsche schon immer in ihren jeweiligen Tälern stark parzelliert gewesen. Das spiegele sich nun auch in den extrem niedrigen Impfquoten dort wider.

Der Grund: Diese Regionen seien schon immer schwer regierbar gewesen, deshalb aufmüpfig und basisdemokratisch verfasst. Volksabstimmungen oder die starke Stellung des Bürgermeisters in der Verfassung stehen dafür sinnbildlich. Die Skepsis gegenüber Fremden und die Sorge um den Verlust der Autonomie haben in der Kleinteiligkeit der Alpenregion, in der heute 80 Millionen Menschen in 48 Regionen leben, ihren Ursprung. Von dieser Skepsis zum Glauben an Verschwörung, so Blume, ist der Weg nicht weit.

Als Theologe und Historiker halte ich diese Deutung für plausibel und hilfreich. Sie ergänzt, was ich auch als Therapeut wahrnehme: Impfverweigerer haben in der Regel ein Problem mit Autoritäten. Das kann die Rebellion gegen den dominanten Vater sein, der Reflex auf die Überdosis religiöser Sozialisation oder die Prägung durch eine Diktatur, wie es Ostdeutsche und Osteuropäer erlebt haben. Begünstigt wird der Widerstand gegen die staatlich empfohlene Impfung, die nun wohl zur Pflicht wird, durch negative Erfahrungen mit „dem Staat“.

Da ist der Mann, der sich bei seiner Scheidung vom Staat benachteiligt gefühlt hat; der insolvente Unternehmer und viele andere. Auf den Querdenker-Demos finden sie nun ein Ventil für ihren Schmerz und erleben vermeintliche Solidarität. Dass sie dort manipuliert und benutzt werden, durchschauen sie nicht. Im Gegenteil: Das halten sie denjenigen vor, die sich mit den Covid-19-Auflagen arrangieren. Therapeutisch gesprochen, ist das eine Projektion: Ich sehe im anderen, was ich in Wahrheit selbst bin. Ein Mitläufer.

Wie sagte unser Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jüngst: „Im Frühjahr sind alle entweder geimpft, genesen oder gestorben.“ Pointierter hätte ich es nicht sagen können.

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