Erzeugt Medieninteresse: Der Klimaaktivist aus Dessau.

Aktuell fährt Dr. Michael Bilharz aus Dessau 6000 Kilometer in drei Monaten durch die Republik, um in 200 Städten den Bürgern eine Klimawette anzubieten. Vorigen Freitag hat der Ingenieur im Umweltbundesamt mit seinem Akku-unterstützten Lastenrad Station in Schorndorf gemacht. Seine Idee, die er auf der Homepage www.3fuersklima.de und auf den Marktplätzen kommuniziert: Jeder Bürger möge eine Tonne CO2 pro Jahr einsparen, in dem er seinen Lebenswandel etwas verändert.

Dazu sollte man wissen, dass statistisch jeder Bundesbürger aktuell elf Tonnen pro Jahr emissioniert. Bei ihm oder mir dürften es deutlich weniger sein, weil ich seit Jahren konsequent den ÖPNV und das Rennrad (ohne Zusatzmotor) nutze, mir selbst 2018 Flugreisen untersagt habe, kaum mehr Fleisch esse, kaum im Winter heize, nie bade, nur alle fünf Tage im Schnitt dusche, fast alle Textilien second hand kaufe und dann viele Jahre trage und außer Lebensmitteln kaum etwas kaufe, weil ich nichts davon bräuchte.

Vermutlich liegt demnach mein CO2-Abdruck bei sechs Tonnen und entsprechend schwierig ist es, auf dieser Basis eine weitere Tonne bei mir selbst einzusparen. Und weil ich mich viel in der „grünen Szene“ bewege, glaube ich, dass es vielen Freunden der Klimawette ähnlich geht. Manche dort arbeiten auch so wenig oder verdienen so schlecht, dass sie allein schon aus finanziellen Gründen keinen großen Schaden anrichten könnten.

Deshalb geht es mir mehr um die Menschen in meiner Verdienstklasse und aufwärts, die typischerweise zweimal jährlich in Urlaub fliegen, SUV und/oder Porsche fahren, häufig zu zweit 200 qm Wohnraum bewohnen und bewirtschaften (im Winter gerne auf 23 Grad geheizt, damit man barfuß und im T-Shirt umhergehen kann), für Umgehungsstraßen und Ausbau der Autobahnen sind u.v.m. Meines Erachtens wäre viel erreicht, wenn die von 20 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr auf 15 oder wenigstens 17 kämen.

Das geht am schnellsten über Verbote, die ich angesichts der Dramatik des Weltklimas befürworte (Bildung/Erziehung dauern deutlich länger), oder über Steuern und Abgaben nach dem Verursacherprinzip – das wäre zutiefst liberal oder christsozial. Ich kann das beurteilen, da ich Theologie mit einem hohen Anteil an Philosophie studiert habe. Ein zentraler Wert in der Ethik ist der Freiheitsbegriff im Sinne der Selbstbegrenzung, bekannt auch als Kategorischer Imperativ bei Immanuel Kant (oder: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ bei Jesus).

In einem CDU-Haushalt mit vier Geschwistern und nur einem Verdiener groß geworden, waren wir auf den sozialen Flügel innerhalb der CDU um Norbert Blüm, Heiner Geißler oder Prof. Kurt Biedenkopf angewiesen. Aus dieser Perspektive waren die FDP-Wähler, von denen wir in unserem Angestellten-Milieu kaum einen persönlich kannten, die „edelsten des Volkes“. Denn sie waren so stark, dass sie selbst keinen (starken) Staat brauchten, sich aber für das Gemeinwohl einsetzten und (gerne) Steuern zahlten, um z.B. Justiz und Bildungswesen durch Investitionen zu stärken.

Kürzlich meinte ein guter Freund, der mich politisch argumentieren hörte, ich sei „der klassische FDP-Mann“. Wenn er damit das Edle, Ritterliche in mir meint, nehme ich das gerne an. Allerdings halte ich die aktuelle FDP seit 20 Jahren nicht mehr für die „klassische FDP“ mit der ich groß geworden bin. Ich schäme mich für diese Partei mit ihrer durchsichtigen Klientelpolitik, damit clevere und mutige Gebildete wie ich (meine Bildung hat mir die Gesellschaft bezahlt und vermittelt!) noch schneller reich werden.

Auch die CDU ist für mich in einem erbärmlichen Zustand mit ihrem aktuellen Spitzenpersonal. Von Katholik Armin Laschet, der bei seiner Nominierung ja an die Ehre seines Vaters als Bergmann angeknüpft hat, würde ich mir wünschen, dass er unserem Volk – wie einst Winston Churchill vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg den Briten – endlich reinen Wein einschenkt. Dass er uns sagt, dass wir auf dem Holzpfad sind, wenn wir weiter glauben, global so privilegiert leben zu können; dass wir Schweiß und Tränen investieren müssen, um den Transfer unserer Industrienation hinzubekommen; dass wir endlich aufhören zu jammern und statt dessen dankbar sind, dass wir in einem der reichsten und friedlichsten Länder der Welt leben dürfen u.v.m.

Dass er die Angst der Menschen vor der Zukunft spüre und ernst nehme, aber um Vertrauen bitte. Denn unser Volk hat alle Ressourcen, die wir brauchen, z.B. Intelligenz, Technologien, Kapital, um die Herausforderungen zu stemmen. Noch. Aber dafür sei wichtig, dass die, die von einem Thema keine Ahnung haben, sich erstmal schlau machen – und bis dahin günstigerweise schweigen. Der Umbau unserer Industriegesellschaft in eine klimaneutrale Ökonomie wird ein Konjunkturprogramm, wenn wir jetzt konsequent handeln, so dass das Kapital Planungssicherheit hätte.

Und, auch das zeigt die aktuelle Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz: Wo Menschen materiell vermeintlich alles verlieren, erleben sie Solidarität und Gemeinschaft. Sie finden ihr Sparbuch vielleicht nicht mehr, aber dafür ihr Herz wieder. Und das Meiste, was die Fluten mitgenommen haben, brauchen wir in Wahrheit ohnehin nicht. Es war und ist die Konsumgesellschaft, die uns diese Begehrlichkeitslügen auftischt, damit wir kaufen. Dafür arbeiten wir, verschulden uns und halten dann bei der Arbeit das Maul und funktionieren, weil wir ja unsere Fixkosten bedienen müssen. Das ist die wahre Versklavung. Freiheit kommt durch Bildung. Verblödung durch Konsum. Wie ich mich auf die Veränderung freue!

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