Meine jüngste Erfahrung handelt vom Bahnfahren.

Kürzlich war ich von Hannover nach Stuttgart im ICE unterwegs und hatte bereits vier Stunden im nahezu leeren Großraumwagon die OP-Maske auf, die ich nur gelegentlich abnahm, um aus meiner großen Wasserflasche zu trinken. In Mannheim stiegen zwei junge und ein älterer Mann zu, die ich ethnisch nach Syrien oder in den Iran verortet hätte. Das Trio, das sich lautstark unterhielt, setzte sich auf meiner Höhe an den Vierertisch vis à vis.

Zwar hingen am Eingang die Symbole, dass weder Handy noch Sprechen in diesem Wagen zulässig seien, doch weil die Männer sich in einer mir fremden Sprache unterhielten, störte mich das nicht beim Lesen. Alle drei trugen ihre Masken unter dem Kinn und noch im Stehen stellte einer der beiden Jungen drei noch verschlossene Getränkedosen auf den Tisch zwischen ihnen. Sofort hatte ich die Assoziation, das Getränk diene ihnen bis Stuttgart als Alibi, die Masken nicht korrekt tragen zu müssen.

Denn als häufiger Bahnfahrer erlebe ich diese Taktik im Fernverkehr fast jedes Mal. Und meist führt es zu leidigen Diskussionen, weil ein Mitreisender bittet, die Maske korrekt zu tragen und der Angesprochene sich dann rechtfertigt, er trinke doch. Meist eskaliert die Situation, weil der Kläger dann ausführt, er habe die Person schon länger beobachtet und sie habe in der Zeit nicht getrunken. Dann trinkt der andere demonstrativ, verharrt aber in seinem Verhalten oder pöbelt gleich, sodass der Attackierte den Zugbegleiter verständigt oder sich weitere Fahrgäste einschalten.

All das wollte ich zwischen Mannheim und Stuttgart vermeiden, weil ich erschöpft war, mir die Rolle des Erziehers nicht liegt und ich auch nicht in Sorge war, mich zu infizieren. Irritiert aber war ich, als alle drei die Maske aufsetzten als ihre Tickets kontrolliert wurden, einer der beiden Jungen sie aber sofort danach wieder abnahm und nun lange in seinem Handy tippte. Auch nahm ich die irritierten Blicke Mitreisender wahr, die das Trio passierten, um zu WC oder Bistro zu gelangen. In deren Augen sah ich Unmut und Ablehnung, aber niemand sprach den jungen Mann an.

Längst konnte ich mich nicht mehr auf meine Lektüre konzentrieren, weil ich mir vorstellte, wie diese Mitreisenden in ihrem Umfeld davon erzählen würden, wie „diese Ausländer“ im Zug einfach keine Maske tragen und auch sonst “in unserem Land einfach machen, was sie wollen.“ Und ich stellte mir vor, wie dieses Verhalten des jungen Mannes in unserer Gesellschaft die Ausländerfeindschaft nährt und der AfD (oder NPD) Stimmen bringt.

Kurz vor Stuttgart machte ich mich zum Aussteigen bereit und sprach den jungen Mann auf sein Verhalten an, dass ich die Masche mit dem Getränk kennte, um keine Maske tragen zu müssen. Immerhin reagierte er schlagfertig, er habe eine Halsentzündung und müsse deshalb regelmäßig trinken. Ich antworte ihm, ich hätte weder Interesse an „seinen Geschichten“, noch große Lust, andere Menschen zu erziehen. Ich wolle ihm aber deutlich machen, dass sein Verhalten dazu beitrage, dass Deutsche Ausländer „scheiße“ fänden; dass während der Fahrt viele (Deutsche) zu feig gewesen seien ihn anzusprechen; ich aber müde sei, in meinem sozialen Umfeld ständig Klagen über unflätige Ausländer relativieren und entschuldigen zu müssen. Er möge bitte die Konsequenzen seines Handels bedenken. Mehr nicht. Wegen seines Aussehens komme ihm eben eine höhere Verantwortung zu, weil mancher geradezu nach solchen Beispielen giere.

Beim Aussteigen gratulierte mir der ältere Mann und klärte, dass sie Türken seien. Meine Ansage sei mutig und richtig gewesen. Er habe die Jungs in Mannheim am Bahnhof kennengelernt und weil man dasselbe Ziel hatte, sei man gemeinsam gereist. Er kenne die Vorbehalte der Einheimischen gegen die Ausländer seit seiner Jugend. Deshalb sei es klug, sich korrekt zu verhalten.

Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Wenn euch gefällt, was ihr gelesen habt, dann teilt es doch mit euren Freunden und Bekannten!

4 Comments

  1. Michel

    Dass Ausländer sich besser verhalten müssen als Einheimische, um Ressentiments vorzubeugen, zeigt doch nur unsere mehr oder minder vorhandene fremdenfeindliche Grundstimmung.

    1. Da hast Du leider Recht. Aber auch in der Schule war es schon so, weil mein Vater Akademiker war, dass man bei meinen schlechten Noten sagte, der Junge entwickelt sich noch. Einem Klassenkameraden aus dem Arbeitermilieu wurde bedeutet, das Gymnasium sei für ihn nichts.

  2. Terje Lange

    Lieber Leo.

    “ Und ich stellte mir vor, wie dieses Verhalten des jungen Mannes in unserer Gesellschaft die Ausländerfeindschaft nährt und der AfD (oder NPD) Stimmen bringt.”

    Ich lese das so, dass sich junge Menschen mit Migrationshintergrund (denn ich nehme mal an, du hast sie nicht beim Einsteigen nach ihrer Nationalität gefragt), sich regelkonform verhalten sollen, um sich das Recht zu erwerben nicht rassistisch behandelt zu werden, während Menschen ohne Migrationshintergrund, oder besser ohne ein entsprechendes Aussehen das tun können ohne Fürchten zu müssen damit der AFD oder der NPD Zuwachs zu generieren?

    Wieso denkst du denn überhaupt, dass sie keine Deutschen sind, bloß weil sie türkisch sprechen oder “so aussehen”?

    Den jungen Mann anzusprechen um ihm zu sagen, dass er mit seinem Verhalten Rassismus Futter gäbe ist in der Art wie du es beschreibst wohl weniger aus Sorge und aus Antirassismus geboren, sondern vielmehr aus Verstimmung über seinen Regelverstoß. Das wird auch aus den vorherigen Teilen deines Textes deutlich.

    Verzeih mir, wenn ich deine Urteile und deine Beschreibung wieder mal rassistisch finde. Ich kann auch mit der Quintessenz, dass Regelverstöße Rassismus begünstigen rein gar nichts anfangen, denn dass das so sein soll, ist lediglich Ausdruck “weißer Zerbrechlichkeit”.

    Das Muster hier: Victim-Blaming. Du meinst es ja nur gut mit Ihnen, willst ihnen ja nur deutlich machen, dass ihr Verhalten dafür sorgt, dass sie Rassismus erleiden. Das ist eine erneute Täter-Opfer-Umkehr. Der ganze Text würde nicht funktionieren, wenn der junge Mann ein “weißer” Deutscher gewesen wäre.
    Und dass der ältere Türke dir quasi Recht gibt, dass es sinnvoll sei, sich konform zu verhalten, weil er die Einheimischen kennen würde, ist ebenfalls ein Muster, denn wenn es der von Rassismus Betroffene selber sagt, dann muss es ja stimmen, oder? Dass er aber damit sagt, dass er selbst Opfer des “deutschen” Rassismus ist, ist doch hier das entscheidende Narrativ.

    Es ist nämlich so, dass wenn man die Kriminalstatistiken liest und bereinigt, sich Menschen mit Migrationshintergrund konformer verhalten wie Biodeutsche in vergleichbarer sozialer Lage. Es ist also insgesamt ein Stereotyp, dass “Ausländer” weniger konform seien als “Deutsche”.

    Quelle: https://m.bpb.de/politik/innenpolitik/innere-sicherheit/301624/migration-und-kriminalitaet

    Nachdem das jetzt dein dritter Blogeintrag ist, der offen rassistische Stereotype reproduziert, habe ich beschlossen, keine weiteren deiner Blogs mehr zu lesen oder zu kommentieren.
    Mir geht es da wie Dir: ich möchte Dich weder belehren noch erziehen. Ich bin einfach erschöpft.

    Mir hat geholfen:
    “Exit Racism” von Tupoka Ogette
    “ Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten” von Alice Hasters
    “ Ein Neger darf nicht neben mir sitzen” von Roger Rekless
    “Wir müssen über Rassismus sprechen” von Robin DiAngelo

    1. Danke, Terje, für Dein engagiertes Pladoyer.
      Das sensibilisiert mich und vermutlich auch viele meiner Leser.
      Deine Argumentation funktioniert, weil Du mich Dir so zurechtstellst, dass alles passt.
      Ich bin reif für Diversity. Garantiert. Aber 10% AfD und mehr kotzen mich an.
      Und beim Hinschauen auf Zusammenhänge bin ich ziemlich Projektions-frei, weil ich in all diesen Milieus unterwegs bin.
      “Weiße Männer”, die deutsch gesprochen hätten, hätte ich bspw. nach zwei Minuten um Ruhe gebeten, weil sie mich beim Lesen gestört hätten.
      Ich fühle, dass wir alle Rassisten sind. Bei Dir spüre ich, wie sehr du (alte) weiße Männer (vor-)verurteilst.
      Gruß & Dank, leo

Schreibe einen Kommentar zu Leonhard Fromm Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.