Beim Frühstück auf der Salzburger Hütte: Unser Sextett. FOTO: WIRTIN

Wenn unser Sextett einmal im Jahr für vier Tage in den Alpen wandern geht, dann erinnert mich das jedes Mal an unsere Lausbubenzeit. Dann wird Quatsch gemacht, Frauen sind ein großes Thema, Sexualität und (schwindende) Potenz ohnehin. Einziger Unterschied zu früher: Heute haben wir alle Geld genug, dass es auf ein drittes Bier am Abend auf der Hütte nicht ankommt oder Kaffee und Zwetschenkuchen auf einer Alm am Weg drin sind.

Mittlerweile sind wir zwischen 40 und 59 Jahren alt, vier Polizisten, ein (Sport-)Lehrer und eben ich. Die jährliche Tour mit bis zu 1600 Höhenmetern pro Tag bedeutet für mich als Zweitältesten und Schwersten/Dicksten zugleich einen Fitness- und Leistungstest, den ich bislang noch jedes Mal ordentlich bestehe. Zusammen kommen wir gefühlt auf zehn Scheidungen, so dass auch immer wieder Trennung, Beziehung zu den Kindern, Scheitern und persönliche Veränderung zentrale Themen sind.

Vor allem aber dienen diese Wanderungen, dieses Jahr rund um Kaprun zur „Salzburger Hütte“, „Krefelder Hütte“ und „Gleiwitzer Hütte“ jeweils auf 2100 bis 2300 Metern, der Psychohygiene von uns allen. Da stehen dann etwa drei bis vier von uns nebeneinander beim Pinkeln in freier Natur (oder hinter einem Supermarkt bei der Anfahrt) und es wird die nachlassende „Strahlkraft“ thematisiert. Einer: „Mensch, Leo, vor 30 Jahren hättest Du die Mücke dahinten mit Deinem Strahl noch abgeschossen.“ Stimmt. Aber auch diese Zeit ist vorbei.

Beeindruckt bin ich, wenn die Kollegen aus ihren Alltagen erzählen: Der Lehrer, wie er den Zugang zu den Schülern behält und eher Probleme beim Wesen von Pädagogen diagnostiziert. Oder die Polizisten, die konkrete Situationen schildern, in denen sie Leib und Leben riskieren, um Monate später im Gerichtssaal von schamlosen Anwälten als Dilletanten, Simulanten oder Hasardeure diskreditiert zu werden. Da könnte mir schon der Kragen platzen.

Und alle, im Gegensatz zu mir, sind als Angestellte Vorgesetzten ausgeliefert, von denen nicht alle (sozial) kompetent sind, um es zurückhaltend zu formulieren. In solchen Gesprächen werde ich für meine Selbstständigkeit dankbar, in der zwar auch etliches ärgerlich, ungünstig und nervig ist, ich mich aber nicht so ausgeliefert und ohnmächtig wahrnehme. Jedes Jahr lerne ich auf unseren Wanderungen sehr viel: Über unser Schulsystem, unseren Rechtsstaat, unsere Gesellschaft und deren Akteure.

Meine fünf verbeamteten Freunde, die sich nicht selten über die Presse ärgern oder zumindest wundern, bekommen von mir Bedenkenswertes über die Rolle der Medien, den Umgang mit Journalisten, die wirtschaftliche Situation dieser darbenden Branche oder den deutschen Mittelstand überhaupt. Vermutlich sind es solche Schnittmengen von Freunden, in Vereinen oder Kirchengemeinden, die die Milieus zusammenbringen und die Gesellschaft zusammenhalten. Wir sollten mehr wandern gehen.

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