Es gibt Kontexte, in denen bin ich geradezu stolz, Katholik zu sein: Das sind Situationen, in denen Gläubige, mal witzig-intelligent, mal mutig-konsequent, für ihre christliche Haltung der Nächstenliebe bedingungslos eintreten. Ein solcher Moment war gestern Abend wieder, in dem der Sitzungspräsident der Mainzer Fastnacht, Andreas Schmitt, als Highlight des Abends kurz vor Mitternacht in der Rolle des Dom-Obermessdieners den Mächtigen, Gierigen, Verlogenen und Demagogen in brilliantem Versmaß die Leviten las. Die relevanteste Sequenz – und das Mahnen war in der Monarchie des Mittelalters die vornehmlichste Aufgabe des Hofnarren – war Schmitts Demaskierung der AfD, in dem er deren Gesinnung zu Ende deklinierte und dabei noch tagesaktuell Bezug zu dem Rechtsterrorismus von Hanau nahm.

Was Schmitt und andere hier leisten, ist höchste Kunst und prophetische Wahrheit. Die Mainzer TV-Prunksitzung gehört für mich zum Substantiellsten und Anspruchsvollsten, was die deutsche Fastnacht zu bieten hat. Hier wird noch am ehesten die Handschrift des Katholizismus sichtbar, auf der die Fast-nacht, also die Nacht vor dem Fasten, dem Beginn der Fastenzeit, oder dem Karneval (lat. für carne vale = Fleisch lebe wohl!), gründet. Schunkellieder wie “Wir kommen alle in den Himmel” sind nur vor diesem Hintergrund – die Alternative war nach christlicher Dualität von Gut und Böse, Gott und Teufel die Hölle – zu verstehen.

Deshalb gefällt mir im Mainzer Programm, wenn durchgängig – neben allerlei Kokolores – exakt diese Partitur zu lesen ist: Wenn etwa mancher Hellau-Ruf auf das himmlische Halleluja der Engel endet; ein Büttenredner darauf verweist, dass es um unsere Welt besser stünde, wenn wir die zehn Gebote hielten, die Domsänger Teil des Programms sind oder der synodale Weg in einem Beitrag thematisiert wird, den die Deutsche Bischofskonferenz kürzlich beschritten hat und die Abschaffung des Zölibats gefordert wird oder weniger Verlogenheit im Klerus. Ich persönlich brauche die Fastnacht nicht, weil ich ganzjährig das lebe, wovon ich überzeugt bin.

Aber hinter einer Maske den aufrechten Gang zu üben oder in einem Kostüm den Rebellen auszuprobieren, der sich den AfD-Faschisten um Björn Höcke in den Weg stellt, kann eine gute Übung sein. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, wir Demokraten müssen eine Schippe drauf legen und die Wehrhaftigkeit unserer Republik belegen. Die Nationalsozialisten brauchten auch nur zwölf Jahre, um von ersten Wahlerfolgen zur stärksten Kraft im Reichstag der Weimarer Republik zu werden. Danke, Mitbruder Schmitt in Mainz, dass Du mich sensibilisierst. Wenngleich ich beim Blick in den applaudierenden Saal die Assoziation hatte: Jesus zog auch unter Beifall in Jerusalem ein. Eine Woche später schrie dasselbe Volk “kreuzigt ihn”.

Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Wenn euch gefällt, was ihr gelesen habt, dann teilt es doch mit euren Freunden und Bekannten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.