Hatte in Beutelsbach 65 Zuhörer: Der Bad Saulgauer Umweltbeauftragte und Biodiversitätsexperte Thomas Lehenherr, hier in seinem Naturlehrpfad. FOTOS: STADT BAD SAULGAU
Insektenfreundliche Dauerbepflanzung in Bad Saulgau.

„Natur braucht Vielfalt“, „Ökologie und Ökonomie bilden keine Gegensätze“ oder „Wissenschaft ist die Basis jeder Demokratie“ sind Sätze, die Thomas Lehenherr leicht über die Lippen kommen. Am Mittwoch (15.04.) hat der Umweltbeauftragte von Bad Saulgau beim BUND in Beutelsbach über das Biodiversitätskonzept der Kurstadt referiert. Dieses hat der nun 62-Jährige seit 1992 in der Stadt mit ihren 18.000 Einwohnern und 10.000 Hektar Fläche im Kreis Sigmaringen mit Mitstreitern umgesetzt und bereits 2011, also knapp 20 Jahre später, die Auszeichnung „Landeshauptstadt der Biodiversität“ bekommen.

Seither haben sich mehr als 300 Kommunen von dem Agrar-Ingenieur beraten lassen und Bausteine seines Konzeptes bundesweit übernommen, das er an dem Abend rund 65 Interessierten vorstellte. „Artensterben und Klimawandel sind die größten Herausforderungen der Menschheit, das war schon während meines Studiums 1985 bekannt,“ so der Referent, dem man die Leidenschaft für sein Thema anmerkt. Damals habe er die Vision gehabt, sich diesen Aufgaben in seiner Heimat zu widmen. Mit Erfolg. 1991 und noch als Student wählte ihn der Gemeinderat unter fast 80 Bewerbern in das neu geschaffene Amt.

Der Erfolg steht auf fünf Säulen: Dazu zählen zehn Naturlehrpfade von 500 Metern bis 43 Kilometern Länge, die etwa über Gehölze, Nistkästen, Obstbaum- oder Getreidesorten informieren. Mittlerweile beschäftigt die Stadt acht Guides, die je zu speziellen Themen Führungen anbieten. Davon profitiert der Tourismus in der Stadt und die Bürger werden inspiriert, ihrerseits tätig zu werden auf ihren Flächen. Zu den Konditionen der Stadt können Einwohner bei der Baumschule einkaufen. So steuert Lehenherr, der im Juni in Ruhestand geht und sie berät, was auf Bad Saulgauer Grund gepflanzt wird.

Neben Heckenschaugärten wurden auch mehr als 100 Hektar Biotopanlagen geschaffen und die Schwarzach, die durch die Stadt mit ihren 13 Teilorten fließt, sowie weitere Fließgewässer auf 15 Kilometern renaturiert. Dafür kaufte die Kommune an der Schwarzach elf Hektar Fläche beiderseits des Baches, damit er mäandern kann und unterschiedlich schnell fließt. Denn auch Letzteres hat Einfluss auf die Vielfalt, weil Pflanzen und Tiere unterschiedlichste Bedingungen benötigen. Dazu passt die topographische Vielfalt der Stadt mit ihren unterschiedlichsten Böden von fettem Lehm bis zu kargem Sand.

Zentraler Baustein war die öffentliche Bepflanzung innerstädtischer Flächen wie Parkstreifen, Verkehrskreisel, Parks oder Flächen bei den Regenüberlaufbecken, dem Wertstoffhof oder Schulhöfen. Lehenherr: „Wir verantworten heute doppelt so viele Flächen mit demselben Personalstand bei halbem Pflanzenbudget.“ Möglich ist dies, weil Wechsel- überall durch Dauerbepflanzung ersetzt wurde, was Kosten im Pflanzeneinkauf, bei Pestiziden und beim Personal massiv reduziert. Denn wo früher bis zu dreimal jährlich neu gepflanzt wurde, werden jetzt alle 10 bis 20 Jahre gezielt die passenden Stauden gesetzt.

Und wo früher insektenfeindliche Parkrasen bis zu 25 Mal im Jahr gemulcht werden mussten, reicht es heute, maximal zweimal jährlich zu mähen und das Mähgut abzufahren. Wichtigster Effekt aber: Wo auf herkömmlichen Monoflächen auf Kreisverkehren nur 15 Laufkäfer gezählt werden, kommen Lehenherrs Wildblumenwiesen auf bis zu 630 Individuen und viel mehr Arten als bei Wechselbepflanzungen. Das hat die Uni Hohenheim ermittelt, die die Saulgauer Aktivitäten ab und an wissenschaftlich begleitet. Diese Artenvielfalt hat mit der unterschiedlichen Bepflanzung zu tun, die zudem auf die Bodenbeschaffenheit achtet. So werden auch Alleen mit verschiedenen Baumarten besetzt und nicht mehr „ästhetisch durchdesignt“. Sein Tipp für Blumenwiesen: Beim Saatgutkauf auf maximal zehn Prozent Gras bestehen, denn das wachse ohnehin. Oft läge dessen Anteil bei 50 bis 60 Prozent, weil Hersteller und Lieferanten dann mehr verdienen.

Schließlich haben Lehnherr und seine Mitstreiter das „Praxisnetzwerk für biologische Vielfalt Bad Saulgau“ gegründet, dem viele Verbände, Politiker und Firmen angehören. Deren Ziel: Für Biodiversität werben. Dazu gehört dort auch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit. Jüngst berichtete der „Spiegel“ über Lehenherr als einen der „100 wichtigsten Hoffnungsträger.“
Thomas.Lehenherr@gmx.de bietet auch im Ruhestand Vorträge und Führungen zum Bad Saulgauer Biodiversitätskonzept an.

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