
„Vorgaben erlebt der Bauer als Angriff auf seine Freiheit,“ gab Kreisbauern-Geschäftsführer Helmut Bleher am Dienstag gut 80 Zuhörern im evangelischen Gemeindehaus in Rommelshausen Einblick in die Psyche von Landwirten. Die erwarteten Vertrauen von der Gesellschaft, „denn der Bauer weiß, was seine Böden und Pflanzen brauchen.“ Eingeladen hatten BUND und evangelische Kirchengemeinde Kernen zum Thema „Lebensgrundlage Boden“.

Neben dem Landwirt beleuchteten der Theologe Dr. Peter Haigis und der Pedologe (Bodenkundler) Prof. Ludger Herrmann von der Universität Hohenheim das Thema, das stark von begrenzten Flächen, Effizienz, Biodiversität und Wirtschaftlichkeit geprägt ist. So machte Bleher deutlich, dass die Bauern mittlerweile zu 70 Prozent gepachtete Flächen bewirtschaften, deren Pacht oft schon 30 Prozent der Erlöse koste. Das erhöhe den ökonomischen Druck parallel zu sinkenden Erzeugerpreisen.
Erbengemeinschaften seien ein weiterer Faktor, der „zur Entfremdung von der eigenen Scholle führt.“ Denn wer den Boden nicht mehr selbst bewirtschafte, verliere die Verbundenheit zu ihm und verkaufe leichter, wenn gute Preise für weitere Gewerbe- oder Wohngebiete geboten werden. Hinzu komme der wirtschaftliche Druck, wenn Acker- oder Weinbau nicht mehr zum Leben reichen. Die Folge: Täglich werden allein im Südwesten 70 Hektar Land versiegelt.
Das passte zu Herrmanns wissenschaftlichen Ausführungen, wonach allein auf dem Schmiedener Feld oder auf den Fildern, wo je fruchtbarste Böden vorhanden sind, sich die Ackerflächen seit den 1960er Jahren halbiert haben. Der Bodenkundler: „Gesiedelt haben die Menschen immer in fruchtbaren Gegenden, was bei Expansion der Städte natürlich fatal ist.“ Der Boden selbst sei kein Lebewesen, sondern „ein belebtes Objekt“, das auf Grund chemischer Prozesse permanentem Wandel unterliegt. Zentrale Einflussfaktoren sind dabei Klima und Porigkeit. So bestehe Boden zu 40 bis 60 Prozent aus Luft, damit die Wurzeln Platz zum Wachsen haben, Insekten und Bakterien dort leben können, der Untergrund die Feuchtigkeit hält und das Grundwasser filtert.
Dabei unterscheidet der Wissenschaftler zwischen dem gut erforschten Oberboden, der agrarisch gemanagt wird, und dem kaum erforschten Unterboden, der existenziell sei für die Vegetation. Regional ist der Oberboden 20 bis 100 Zentimeter mächtig, etwa auf der kargen Schwäbischen Alb oder der fruchtbaren Main-Ebene in Franken. Mais oder Weinbau in unterrasierten Hanglagen, spüle kubikmeterweise fruchtbaren Oberboden ab, so Herrmann, wenn im Frühjahr bei starkem Regen die Böden kaum bewachsen sind.
Theologisch beleuchtete Haigis, einst Pfarrer in Stetten, das Thema. Mit der Sesshaftigkeit um 12.000 vor Christus sei das Thema Besitz und Ökonomisierung des Bodens aufgekommen. Die ersten Konflikte seien zwischen Nomaden, die mit ihren Herden umherzogen, und Siedlern entstanden, die immer mehr Flächen für sich beanspruchten. Das spiegele sich im Brudermord wider, von dem das Alte Testament erzählt: Bauer Kain erschlägt den Hirten Abel, dem er ökonomisch überlegen ist und dessen Nomadentum seine Interessen beeinträchtigt.
Mit dem Besitz hätten sich Hierarchien und Rechtsansprüche herausgebildet, so Haigis. Weil das „Recht des Stärkeren“ zum Prinzip geworden sei, habe dieser als Gegenleistung Naturalien erhalten. Solange es noch keine Schrift gab, waren Konflikte vorprogrammiert, weil etwa Wasserrechte oder Grenzverläufe nicht vertraglich geregelt waren. Boden sei zudem zur Sicherheit geworden, um Kredit zu bekommen. Konnte dieser etwa wegen Krankheit oder Missernte nicht getilgt werden, gerieten einst freie Bauern in Abhängigkeit und Knechtschaft. Von all dem erzählt die Bibel.
Der Opferkult, um Gott günstig zu stimmen, erlaubte das Töten von Pflanzen und Tieren. Anfangs bestand noch der Zusammenhang, dass ohnehin alles Gott gehört, der Mensch ihm seine Früchte darbringt und der Boden nur geliehen sei. Deshalb sind der Boden, Pflanzen und Tiere „heilig“, also unverfügbar für den Menschen, so Haigis. Später verlor sich dieser Kontext, von dem etwa die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies erzählt.
Die Verstädterung verschlechterte im Mittelalter zunehmend die Situation der Bauern, die mit ihren Erträgen erst Handel und die Ernährung von Stadtbewohnern ermöglichten. Nun gerieten sie zunehmend in die Abhängigkeit der Städter, die ihnen durch Handel, Bildung und Militär überlegen waren. Das Erbrecht verfestigte noch diese Unrechtsstrukturen zwischen arm und reich. Im 19. Jahrhundert befassten sich Philosophen deshalb auch mit der Kollektivierung von Grund und Boden, so der Theologe.
An die je 25-minütigen Referate schloss sich eine lebhafte Fragerunde an, in der es um Artenvielfalt, Grundwasserschutz, Eigenversorgung, globalen Wettbewerb, Großgrundbesitz und Ausbeuterstrukturen ging. Standen je Mensch 1970 global noch 3800 Quadratmeter Ackerfläche zur Verfügung, referierte Bleher, sank dieser Wert aktuell auf unter 2000 und werde 2050 bei nur noch 1500 liegen.