Das finale Duell um Leben und Tod: Gut (hellbraun) gegen Böse (schwarz).

In meinen Männergruppen und im Einzel mit Männern spreche ich gerne die Empfehlung aus, sich Western anzuschauen (oder auch James Bond-Filme). Denn der Erfolg des Genres lebt, wenn es gut gemacht ist, von der Inszenierung der Archetypen. Das sind der verletzte Junge (das „innere Kind“ oder Opfer), der „wilde Mann“, „der Held“ und „der Böse“, um einige Stereotypen zu nennen.

Der Klassiker unter den Italo-Western, der für mich sämtliche Schattierungen des Männlichen in Reinkultur repräsentiert, ist „Spiel mir das Lied vom Tod“, 1968 inszeniert von Starregisseur Sergio Leone und mit Musik unterlegt von Altmeister Ennio Morricone. Schon die Handlung, das Bezähmen des „Wilden Westens“ durch die Erschließung mit der Eisenbahn quer durch den Kontinent, steht für die Kultivierung des Männlichen an sich.

Henry Ford als „Frank“ in der Rolle des Schurken steht für das Böse an sich, das keine Moral oder andere Grenzen kennt. „Frank“ ist skrupellos und begierig, egal, ob es um Macht, Erotik oder Erfolg geht. Er erinnert an Dr. Faust von Goethe. Sein Gegenspieler ist „Mundharmonika“, die Lichtgestalt, verkörpert von Charles Bronson. Der Held redet wenig, ist furchtlos und sein Handeln effektiv: Oft gibt es dabei Tote. Das sind Abgesandte des Bösen, weshalb er sie zählt. Das Gute schwächt das Böse.

Zwischen beiden Polen pulsiert das Leben. Da ist „Jill McBain“, gespielt von Claudia Cardinale, der Femme fatale, das Weibliche an sich, die für Erotik und Geborgenheit steht, mal Hure, mal Mutter. Oder der Outlaw „Cheyenne“, dargestellt von Jason Robands, der mit seinen Leuten eher an Robin Hood erinnert denn an das Böse. Er verkörpert den „wilden Mann“, den „Abenteurer“, immer bereit zum Aufbruch und zum Sterben. Zwar gefährlich, aber ausgestattet mit einem Ehrbegriff und Charakter, der ihn verlässlich und zum Kameraden macht.

Und da ist „Mr. Morton“, dargestellt von Gabriele Ferzetti, der mit seiner ökonomischen Strategie und seinen Dollars für den US-Kapitalismus steht, der allen eine bessere Welt verheißt, die aber immer abstrakter wird, weil nicht mehr Fleiß und Muskelkraft zählen, sondern Intelligenz und Cleverness. Wie zum Beweis ist der mächtige Geschäftsmann schwer behindert. „Frank“ ist „Mortons“ Weggefährte von einst, aber die Freunde entfremden sich, weil „Frank“ den Wandel nicht versteht und statt dessen weiter auf seinen Colt und die alte Welt, die Macht des „Stärkeren“,  vertraut. Eine Verirrung, wie wir sie zuletzt bei Donald Trumps Wählern erlebten.

Tatsächlich verfolgt „Mundharmonika“ durch den gesamten Film die Absicht, sich an „Frank“ zu rächen, der ihn als Kind zwang, selbst den Tod des eigenen Vaters herbeizuführen, weil er dessen Gewicht am Strick nicht mehr tragen kann. Abgrundtief sadistisch schiebt „Frank“ dem verzweifelten Kind zuvor noch die Mundharmonika zwischen die Zähne, die der Held dann während des gesamten Films wie ein Markenzeichen bei sich trägt und gelegentlich spielt.

Beim Showdown stehen sich schließlich Henry Fonda, all seiner Schurken beraubt, und der von Anfang an als Solist agierende Charles Bronson zum Duell gegenüber. Das Männliche dabei: Beide suchen die finale Klärung („Wer bist Du?“) und setzen dafür das eigene Leben aufs Spiel. Denn im Kern, so die Botschaft, geht es immer um alles oder nichts. Dabei wird das Duell wie eine Hinrichtung für „Frank“ inszeniert, der am Ende – im Staub und mit seiner eigenen Mundharmonika zwischen den Zähnen – stirbt. Ohne viel Reden, aber mit mutigem Handeln verschafft sich der Held am Ende Satisfaktion – und reitet davon.

Die Subbotschaft wird durch die Totale der Kamera am Ende deutlich: „Frank“ und „Cheyenne“, die beide den „Wilden Westen“ verkörpert haben, sind tot, während das Kollektiv der Arbeiter die Schienen für die Eisenbahn weiter bis zum Pazifik legt: Das „Wilde“ hat keinen Raum mehr, die „Kultur“ hat gewonnen. Und damit beginnen Orientierungslosigkeit und Verwirrung des Mannes, der seine Rolle nicht mehr kennt und findet. In dieser Welt wollte keiner der Hauptdarsteller leben. Sie sind alle tot oder reiten davon.

Interessantes Detail am Rande: Leone ließ den Superstar Fonda entscheiden, ob er im Film der Gute oder der Böse sein wollte und vertraute dem Newcomer Branson danach die Rolle des Helden an. Seine Rechnung ging auf. Zudem stammten nahezu alle Charakterdarsteller aus armen Verhältnissen und Einwanderfamilien. Diese Fähigkeit, sich durchzubeißen, spürt man den markanten und vom echten Leben bereits gezeichneten Akteuren in ihren Rollen an. Ein Pflichtfilm für Männer, die an ihrer Identität feilen. Zumal es auch den loyalen Verräter und dickwanstigen Opportunisten „Wobbles“ (Marco Zuanelli) als Projektionsfläche gibt.

4 Comments

  1. Danke, Leo, für den schönen Impuls!
    Das waren noch Zeiten, als im Italo-Western die Welt noch schön säuberlich in Gut und Böse getrennt werden konnte.
    So klar wie die Figuren auf dem Schachbrett – weiß oder schwarz. Das gibt es auch heute noch – als Ausnahme.
    Und das finde ich gut so. Ich möchte die Welt weder mit sadistischen Machtmenschen noch mit selbsternannten Racheengeln bevölkert wissen.
    Die Regel sind heute jede Menge Grauschattierungen. Es ist nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen, von der klar ist, ob sie gut oder schlecht ist. Viele Aspekte unserer Handlungen können wir gar nicht mehr absehen. Die Welt ist komplex geworden. Mit dieser Komplexität müssen wir uns auseinander setzen. Sie ist nicht auf schwarz/weiß reduzierbar, auch wenn Populisten uns das gerne so darstellen. Die Rechnung für diese Vereinfachungen kommt im Nachhinein – Boris Johnson ist das aktuellste Beispiel.

    Apropos Racheengel: Das klingt im Western ja alles ganz toll. Der Böse frisst Staub, der Held läßt seinen Revolver zurück ins Halfter rotieren und reitet in den Sonnenuntergang.
    Die Realität sieht anders aus. Gewalt (ob als initiale Gewalt oder als Rache) produziert Rache – auf Jahrhunderte hinaus. Schaut mal, was im nahen Osten abgeht und wie sich Ukrainer und Russen gerade zu Todfeinden entwickeln.
    Ich sehe unsere Herausforderung als Männer, diesen uralten Kreislauf zu durchbrechen.
    Nicht die Rache als Selbstzweck darf unser Ziel sein, sondern einzig und allein zu verhindern, dass sich der Grund der Rache nicht wiederholt.
    Dazu sollte Töten das allerletzte Mittel sein, denn der Preis hierfür ist hoch. Es gibt so viele andere Mittel – überzeugen, verhandeln, eingrenzen, absichern, immobilisieren, Bündnisse, Wirtschaftsmaßnahmen, …
    Es kann helfen, ein scharfes Schwert an seiner Seite zu wissen, ziehen sollte man es so selten wie möglich – schon zum eigenen Schutz.
    Ich setze mich so gut ich kann dafür ein, den Automatismus von Gewalt und Gegengewalt immer mehr durch kreative und intelligente Lösungen zu ersetzen.

    1. Danke Heko für Deine Zeilen zum „strukturellen Bösen“, die ich grundsätzlich teile.
      Aber kann es im konkreten Fall sein, dass Du Dich mit all Deiner Differenziertheit schwächst und verzettelst?
      Gruß, leo

      1. Wenn ich mir z. B. die Geschehnisse in der Ukraine-Krise anschaue, ist eine Differenziertheit bitter nötig.
        Es braucht sowohl energisches Dagegenhalten und auch militärische Maßnahmen als auch diplomatisches Geschick und Zurückhaltung, um nicht den Automatismus der Eskalation in Gang zu setzen. Differenzierung heißt für mich nicht, schwammig und unentschieden zu sein, sondern aus einer gut gefüllten Werkzeugkiste die passende Strategie zu wählen. Ich glaube, dass die meisten Europäischen Politiker das auch verstanden haben.
        Ob mir das in jedem meiner deutlich trivialeren Fälle immer gelingt, ist eine andere Frage.

        1. Rußland hat 2014 die Krim besetzt. Ungestraft. Am 25.02. hat Rußland die Ukraine angegriffen. Der Aggressor ist eindeutig. Möge die technologische Überlegenheit moderner Waffen aus kapitalistischer Produktion dem Rotzlümmel Wladimir Putin eine Lektion erteilen. Gute Poker- oder Schachspieler reden auch nicht über den nächsten Zug und ihre Sorge um eine etwaige Eskalation. Nur wir sind ständig am Quatschen. Und viel Reden deuten Diktatoren als ein Zeichen von Schwäche.

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