Humboldts erste Reise führte ihn 1795 nach Lateinamerika.

Fasziniert von der Person Alexander von Humboldts (1769-1959) habe ich seine von Andrea Wulf geschriebene Biographie gelesen. Mehrjährige Forschungsreisen hatten den jüngeren Bruder von Wilhelm von Humboldt nach Südamerika, in die USA und nach Zentralasien geführt. Dabei nahm er nicht nur größte Beschwerden und Gewaltmärsche von 40 und mehr Kilometern am Tag bei widrigsten klimatischen Bedingungen auf sich, er beobachte, sammelte, maß und verglich auch sämtliche Pflanzen, Tiere, Gesteine und Topographien, die ihm begegneten.

Während sich der jüngere Alexander weltweit mit Botanik und Geologie befasste, sammelte der drei Jahre ältere Wilhelm Erkenntnisse über die Sprachen und deren Verwandtschaft bis hin zu den Dialekten der indigenen Völker. So erkannte jeder auf je seinem Forschungsgebiet globale Zusammenhänge, die ihnen tiefe Erkenntnisse über die vermeintlichen Geheimnisse der Erde vermittelten. Damit einher ging ein großer Respekt mit allen Mitlebewesen auf dieser Erde, weshalb Alexander von Humboldt auch als Wegbereiter der Umweltbewegung gilt.

Während Wilhelm Zeit seines Lebens in Diensten des preußischen Staates blieb und dafür 13.500 Taler pro Jahr erhielt, etwa als Botschafter in Rom oder London, gewährte der König Alexander über Jahrzehnte eine jährliche Zuwendung von 2500 Taler, ohne dafür Forderungen zu stellen. Zum Vergleich: Ein Handwerker verdiente 200 Taler pro Jahr. So konnte der jüngere Humboldt, der Zeit seines Lebens ledig blieb und eventuell homosexuell war, seine ausgiebigen Reisen zumindest teilweise finanzieren. Sein elterliches Erbe von 100.000 Talern hatte der gelernte Bergamtmann jedenfalls rasch aufgebraucht, weil er zu Geld keinen Bezug hatte.

„Alles hängt mit allem zusammen!“ ist ein zentraler Satz, der die Brüder im Alter in Berlin verbindet. So erkennt der jüngere Humboldt, dass die Vulkane weltweit unterirdisch miteinander verbunden sind und die Botanik nach Vegetationszonen zu ordnen ist, die weltweit wiederkehren. Alexander teilt sein Wissen quasi demokratisch über Bücher, von denen er viele zum Leidwesen des Königs in Paris und auf Französisch verfasst. Seine Begründung: In Frankreich lebten alle Wissenschaftler in Paris beisammen, während sie in Deutschland weit verstreut sind, was den Wissenstransfer nahezu unmöglich mache.

Mit 57 Jahren brach Humboldt in die Mongolei auf.

Dagegen hatte er regelmäßige Treffen mit dem deutlich älteren Johann Wolfgang von Goethe, dessen Faust er inspirierte mit der Dualität von Gott und Mephisto im Ringen um Erkenntnis; Friedrich Schiller, seinem Bruder und weiteren Gästen. In Berlin hielt er kostenlose Vorträge, zu denen gleichermaßen Kutscher, Gesinde wie Kaufleute und Adlige kamen. Mit seiner verständlichen Sprache faszinierte er die Zuhörer für die Natur und deren Zusammenhänge und kritisierte Bergbau und Abholzung der Wälder, die die Böden auslaugten und den Grundwasserspiegel senkten. Vor seinen Vorlesungen musste die Gendarmerie den Verkehr regeln, schreibt Wulf, so groß sei der Andrang gewesen.

Auch initiierte er Symposien, bei denen Wissenschaftler zusammentrafen und förderte den interdisziplinären Dialog. Schon 1795 während seiner fünfjährigen Reise durch Lateinamerika kritisierte Humboldt die Zerstörung der Regenwälder etwa durch die Kautschukgewinnung und warnte vor dem Klimawandel, weil die angeritzten Bäume zu zehntausenden abstarben. Auch schloss er sich emotional der Befreiungsbewegung an, weil er sah, wie die Spanier die Ureinwohner ausrotteten und ihr Land zerstörten.

Ähnlich erging es ihm auf seiner zweiten Reise in die USA, wo er sich u.a. mehrmals mit Präsident Thomas Jefferson traf. Hier konnte er nicht verstehen, wie man im neuen Land der Freiheit Sklaven halten, die Indianer entrechten und den gesamten Kontinent „kultivieren“ konnte. Dazu gehörten Monokulturen, begradigte und aufgestaute Flüsse u.v.m., was tief in die Biodiversität des Ökosystems eingriff. Charles Darwin (1809-1882) etwa war mit seiner Evolutionstheorie stark von Humboldt beeinflusst, ebenso John Muir, der Begründer der US-Nationalparks (1838-1914) im späten 19. Jahrhundert. Bereits zuvor hatte George Perkins Marsh (1801-1882) mit seinem Weltbestseller „Man and Natur“ der Weltöffentlichkeit die Augen dafür geöffnet, wie der Mensch die Natur mit Füßen tritt.

Auch in Europa war Humboldt frustriert. Er sympathisierte mit der französischen Revolution und deren Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und musste dann miterleben, wie sich Napoleon an die Spitze putschte, zum König krönen ließ und ganz Europa mit Krieg, Hunger und Elend überzog. Diese Kriege beschränkten auch massiv seine Reisepläne. Und als er mit 57 Jahren nach Zentralasien aufbrach, ließ ihn der Zar von Spähern observieren, damit er sich nicht in die Politik einmische. Denn auch die Leibeigenschaft dort empörte den Humanisten zutiefst.

Obwohl er selbst stets an Geldmangel litt, unterstützte er viele Forscher finanziell und gab Expeditionen bspw. Aufgaben mit, was sie zu messen, zu erfassen oder zu vergleichen hätten. So erhielt er bis ins hohe Alter immer neue Informationen, die er in Büchern verarbeitete. Mit großer Ehrfurcht und Demut habe ich diese Biographie gelesen. Und zutiefst deprimiert, dass die Menschheit offenbar schon seit Jahrhunderten an ihrem Untergang arbeitet. Mephisto scheint viele Nachahmer und Eiferer zu haben.

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