Heiliger Schutzraum auch ohne Gemeinschaft: Die Kirche ist trotz Versammlungsverbot offen. FOTOS: FROMM

In diesen Tagen schaue ich immer wieder mal in unserer Kirche vorbei, die nur 400 Meter entfernt von uns steht. Am Sonntag brannten im Altarraum sogar Kerzen um die Zeit, zu der üblicherweise Gottesdienst ist, und vereinzelt saßen und knieten wenige Männer und Frauen in den Bänken. Hier spürte ich Geborgenheit und Ruhe und vermisste zugleich die Gemeinschaft der Gläubigen, wenngleich die in katholischen Gottesdiensten ganzjährig ziemlich reserviert, distanziert und Priester-zentriert stattfindet. Diese Besuche in Gottes Haus geben mir einen traurigen Vorgeschmack darauf, wie nüchtern die Osterfeiertage ablaufen werden ohne die reichhaltige und symbolträchtige Liturgie, die sich üblicherweise von Gründonnerstag mit dem Abendmahl, dem Karfreitag mit Folter, Verhöhnung und Kreuzigung Jesu bis zur Osternacht mit der Auferstehung und den festlichen Gottesdiensten sonntags und montags hinzieht.

Dieses Ostern wird eine neue Erfahrung für unsere Gemeinden sein und eventuell ein Vorgriff darauf, wenn ich 80 bin und all die seitherigen Kirchgänger längst tot. Zugleich verschafft mir dies einen Eindruck, wie es Christen in Ländern gehen muss, in denen sie wegen ihres Glaubens verfolgt sind und sich deshalb allenfalls konspirativ versammeln. Parallel laufen mein berufliches und mein gesellschaftliches Leben weiter. Vorher stand ich bei der Post 20 Minuten Schlange, um u.a. Briefmarken zu kaufen. Ein Security-Mann regelte den Einlass und dass wir im Freien je zwei  Meter Mindestabstand halten. So sammle ich derzeit Erfahrungen, die alle etwas mit mir machen, wie aus einer Mangelwirtschaft und einer Diktatur, wo mir plötzlich jemand etwas vorschreiben darf. Z.B. machen mich solche Erfahrungen dankbar für eine offene Gesellschaft, in der ich üblicherweise lebe – mit allen Vor- und Nachteilen.

Beruflich finde ich spannend, wie Firmen allmählich Routine im Krisenmodus gewinnen und wie schnell und souverän viele reagiert haben, die ich kenne. So wurden um den 12. März noch schnell und präventiv fünf, zehn oder 30 Laptops gekauft, um für etwaiges Homeoffice gewappnet zu sein. Bereits am 16.03. war es vielerorts so weit. Welche Leistungskraft von diesen Unternehmen, binnen Tagen ihre gesamte Firmenkultur auf den Kopf zu stellen – und es funktioniert. Irgendwie. Andere, die am 18.03. Laptops beschaffen wollten, mussten wahrnehmen, dass andere bereits schneller waren. Das ist Marktwirtschaft. Und erfahrungsgemäß haben diese Zögerer und Fehleinschätzer auch auf anderen Feldern das Nachsehen, weshalb sie in der Krise verschwinden oder danach aufgekauft werden. Die ersten Gespräche zwischen Wechselwilligen und Leistungsträger-Suchenden laufen bereits.

Erfahrung von Mangelwirtschaft und Bevormundung: 20 Minuten Schlange stehen vor einer Postfiliale.

Spannend sind auch die kaufmännischen Betrachtungen, wie sich Firmen liquide halten oder ihr Controlling greift. Demnach macht Homeoffice NOCH um ein Drittel ineffektiver, weil die Mitarbeiter nicht vertraut damit sind; optimales Equipment und Software fehlen; zuviele Daten nur analog in Leitz-Ordnern im Büro verfügbar sind u.v.m. Noch. Zum Beispiel auch, dass Mitarbeiter zuhause durch Kinder abgelenkt sind, die rund um die Uhr zuhause sitzen. Auch das wird sich relativ bald ändern. Dafür werden die Firmen digital gestärkt aus der Krise hervorgehen, weil die Ängste und Widerstände überwunden und die technischen und sozialen Schwachstellen identifiziert sind.

Auch das Thema Arbeitszeitmodelle und -flexibilisierung erlebt seit 16. März einen Hype: Da führen Mittelständler ad hoc Arbeitszeitkonten ein, die bis zu 100 und mehr Minusstunden erlauben (auch entsprechende Plusstunden) oder weiten solche Ansätze nun aus. Hinzu kommt etwa Vertrauenszeit, dass man Menschen nicht mehr für Präsenz entlohnt, sondern an ihren bewältigen Aufgaben misst. Das verändert unsere Kultur insbesondere zum Wohl berufstätiger Mütter, Alleinerziehender oder Menschen, die zuhause Angehörige pflegen. Viele Firmen werden neben der Hausbank, Krediten und Dispo nun auch auf Leasing, Factoring oder Finetrading in immer mehr Bereichen setzen, um Finanzengpässe zu vermeiden.

Viele Unternehmer, mit denen ich derzeit spreche, sagen, wir werden nach der Krise, wann immer sie auch ökonomisch überwunden sein wird, unsere Marktwirtschaft nicht mehr wieder erkennen. Auch das Thema Regionalität und heimische Arbeitsplätze statt Globalisierung und Produktionsverlagerung wird dabei eine Rolle spielen, Stichwort Verfügbarkeit. Etliche Chefs kommen aktuell aus dem Erklären, Versichern, Beschwichtigen, Ermutigen, Besprechen und Abstimmen kaum mehr heraus. Auch hier wird sich zeigen, wer wirklich führen kann, strategisch wie empathisch, um seine Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Finanzierer etc. mit Taten wie auch Glaubwürdigkeit (Emotion, Leidenschaft, Authentizität, Vertrauen) zu erreichen. Auch wie es mit Binnenmarkt, Schuldenkrise, Euro, Weltwirtschaft weiter geht angesichts der aktuellen Extrembelastung aller Systeme, bleibt spannend. Aber ohne Gesundheit, inneren Frieden und intakte Umwelt wäre ohnehin alles nichts. Die Priotitäten scheinen derzeit wieder klarer zu werden.

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2 Comments

  1. Als Unternehmer bin ich dankbar und froh, mein Unternehmen von Anfang an so aufgebaut zu haben, dass weder ich noch meine Mitarbeiter physisch präsent sein müssen. Bei mir gilt seit langem schon das papierlose Büro. Das heißt, alles ist digital erfasst und die Mitarbeiter sind europaweit verteilt. Glücklicherweise ist meine Auftragslage für einige Monate im Voraus komplett ausgelastet, so dass wir noch nicht betroffen sind. Wenn, dann wird sich das erst 2021 oder gar 2022 auswirken. Bis dahin haben wir noch genug Zeit, um Korrekturen vorzunehmen. Ich glaube auch, dass eine derartige Krise kein Einzelfall bleiben wird. Wir haben jetzt die Chance, die Grundsteine für die Zukunft zu legen und das als Warnschuss oder Übung zu sehen.

    1. Ich danke Dir, Eddi. Sagst Du jetzt noch meinen/Deinen Lesern, was Ihr beruflich macht?
      Andere Leser haben mich angemailt oder angerufen und an mein sozialdemokratisches Herz erinnert: Die akute Situation zeige, so deren Tenor, dass der Neoliberalismus versagt und auch dessen Befürworter in der Krise nach dem schützenden, also starken und reglementierenden, Staat rufen. Worin uns Diktaturen und Demagogen leider voraus sind: Dort herrscht noch der Primat der Politik.

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