Reinhard Voigt durfte im Ruhestand die Polizeimütze behalten.

Tief bewegende Einblicke in die Berliner Polizeiarbeit hat Reinhard Voigt knapp 100 Besuchern des „Dienstagsfrühstücks im Wittumhof“ (31.03.) im evangelischen Gemeindezentrum von Plüderhausen gegeben. Der 75-jährige Theologe war von 2002 bis 2015 dort Polizeiseelsorger. Kurzweilig schilderte der gebürtige Leipziger, der zur Wendezeit 1989 Pfarrer in Ost-Berlin war und dort die Telefonseelsorge nach westlichem Vorbild aufbaute, welchen Belastungen Polizisten im Streifendienst ausgesetzt sind, aber auch Beamte des SEK oder Präzisionsschützen.

Mittels Powerpoint warf Voigt Veröffentlichungen der Berliner Presse an die Saalwand, die über Hochhausbrände, Raubüberfälle, schwere Verkehrsunfälle, Bandenkriminalität oder Schießereien berichteten und erzählte jeweils den Hintergrund aus Polizeisicht dazu, wenn etwa ein Beamter zu Tode kam, selbst einen Täter erschießen musste oder Schwerverletzte oder Leichen bergen sollte. „Ein Polizist muss binnen fünf Sekunden entscheiden, ob er schießt und welche Konsequenzen das hat,“ so der Referent, der vor 2002 in einer psychologischen Beratungsstelle gearbeitet hatte. Ein Beamter, der mit der Schusswaffe einen Täter kampfunfähig gemacht hatte, habe ihm danach 2,5 Stunden erzählt, was ihm in diesen maximal zehn Sekunden alles durch den Kopf gegangen sei bis hin zu disziplinarischen Konsequenzen für ihn selbst.

„Ich war immer wieder beeindruckt von der Professionalität, mit der die Polizisten ihren gefährlichen Beruf ausüben,“ so Voigt, der in der DDR vor seinem Theologiestudium selbst den Militärdienst abgeleistet hatte. Und doch sei gerade in dieser Berufsgruppe die Suizidquote extrem hoch, nicht zuletzt, weil jeder über eine Schusswaffe verfügt. So erzählte er von Einsätzen, die er hatte, nachdem etwa in einem Revier sich binnen vier Tagen zwei Polizisten selbst erschossen hatten. Oder der Nachbetreuung von Beamtinnen, die selbst junge Mütter waren, nachdem etwa Babyleichen geborgen worden waren.

Der Referent, der im Ruhestand seit vier Jahren in Urbach lebt: „Solch dramatische Ereignisse kann man nicht einfach veratmen, wie hartgesottene Polizisten das früher gemacht haben.“ Darüber sprechen helfe, das Erlebte zu verarbeiten, zu sortieren und letztlich zu integrieren. Dabei helfe auch, der Trauer breiten Raum zu geben und als Begleiter und Unterstützer Gefühle wie Ohnmacht und Verzweiflung auszuhalten.

In all den Jahren habe er aber nicht nur Uniformierte, Opfer und Angehörige begleitet, etwa im Rahmen von 130 Beerdigungen mit bis zu 1200 Trauernden, sondern auch viele Trauungen und Taufen vollzogen und Gottesdienste gehalten. Ein Highlight sei immer die Christmette im Berliner Dom mit 1400 Gläubigen gewesen, darunter bis zu 700 Polizisten aller Einheiten und Dienstgrade.

Begonnen habe er 2002, in dem er anfänglich viele Polizeidienste begleitete, um den Alltag der Polizisten kennenzulernen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Dazu gehörten Streifendienst, Hausdurchsuchungen, Razzien, Festnahmen oder das Inspizieren von Tatorten. Mehrmals sei er tagelang mit Polizisten im Einsatz gewesen, etwa beim G8-Treffen der Staatsoberhäupter oder bei Einsätzen rund um die Kernenergie. Dabei habe er den Hass erlebt, dem Polizisten seitens von Demonstranten öfter ausgesetzt sind. Aber auch die positive Überraschung von Einsatzkräften, „dass die Kirche auch mal auf unserer Seite steht.“

Nach gut einer Stunde Referat zeugten viele Nachfragen aus dem Auditorium davon, dass Veranstalter Thomas Letsch mit dem Referenten eine gute Wahl getroffen hatte. Dafür sprach auch die hohe Zahl der Zuhörer und der langanhaltende Applaus der Senioren, von denen gut die Hälfte von auswärts kam. Beim nächsten Frühstück am 28. April, das um 8.45 Uhr beginnt, referiert Diakonin Isabel Munk ab 10 Uhr über den Umgang mit dem Tod, wenn Angehörige und Freunde sterben. Anmeldung bei thomas.r.letsch@gmx.de, Tel. 07181/82266.

1 Comment

  1. Christian Schrettenbrunner

    Moin,
    Danke für den tollen Bericht.
    Ich freu mich von Euch immer mal wieder was zu lesen.
    Aho

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