Der „Gutschein“ der Bahn ist in Wahrheit eine Frechheit.

An meiner Bahncard 50 (2. Klasse) habe ich auch während der Pandemie festgehalten, obwohl ich kaum gereist bin. Einerseits scheue ich jede Veränderung bei dem Konzern, zumal die Bahn alles tut, mit mir nicht zu kommunizieren, andererseits wollte ich der Bahn gerne die 243 Euro überweisen, damit sie leistungsfähig bleibt, wenn der Regelbetrieb wieder startet. Am 19. April bekam ich Post – einen Gutschein über 15 Euro, einzulösen bis Ende Mai für eine beliebige Fahrt ab einem Reisewert von 49 Euro. Was ich überlas: Der Gutschein gilt nur bei Online-Buchung.

Letzteres stellte ich fest, nachdem der eCoupon eine Ziffer zuviel hatte, um am Automaten „genommen“ zu werden. Tags darauf hatte ich etwas Zeit und so ging ich erneut in Schorndorf zum Bahnhof, stellte mich in die Reihe, wartete ca. zwölf Minuten und erfuhr schließlich von der Dame am Schalter binnen 30 Sekunden, dass das nur online geht. Ende Dezember hatte ich bereits den Besuch eines IT-affinen Freundes genutzt, der binnen 45 Minuten mein Smartphone mit der Bahn-App verknüpfte, damit ich – zumindest theoretisch – online Tickets am Handy buchen konnte.

Hintergrund hierfür war die Nachricht der Bahn, dass man ab 1. Januar in deren Zügen beim Zugbegleiter keine Tickets mehr nachlösen könne. Der Gutschein vom 19. April war somit eine gute Gelegenheit, das Online-Kaufen zu probieren, zumal kommenden Mittwoch bei mir eine Bahnfahrt ansteht, die trotz Bahncard deutlich über 49 Euro kostet. Und da am Samstag mein IT-affiner Sohn da war, wagte ich die Buchung assistiert von ihm. Tatsächlich ist es auch für mich machbar, allerdings vergaßen wir bei den vielen Häkchen, die beim Navigieren zu setzen sind, meinen BC-Rabatt von 50 Prozent. Virtuos stornierte mein Sohn diese Fehlbuchung sofort und wir versuchten es erneut. Wir haben ja samstags die Zeit, wenn der Besuch da ist!

Beim Wiederholen funktionierte der Gutschein aber nicht mehr und mein Sohn meinte, der müsse wohl erst vom System wieder freigeschaltet werden und notfalls solle ich „bei der Bahn“ nachfassen. Gestern funktionierte der Code noch immer nicht und dermaßen motiviert, navigierte ich mich durch die Hotline der Bahn. Nach ca. 16 Minuten sprach tatsächlich jemand mit mir, der allerdings einen starken slawischen Akzent hatte, so dass ich zweimal nachfragen musste, um zu verstehen, dass ich nochmals weitergeleitet würde zum „BahnBonus“-Bereich. Und während ich erneut acht Minuten wartete, dachte ich mir, dass diese Menschen vermutlich maximal Mindestlohn bekommen, sodass der Arbeitgeber, die Bahn, beim Besetzen dieser Stellen kaum Ansprüche stellen kann.

Die zweite Kontaktperson nach dann 24 Minuten war dafür umso eloquenter. In herrisch-gereiztem Ton teilte mir eine kühl-hanseatische Frauenstimme mit, dass der Code nicht reaktivierbar sei, wenn er „einmal eingegeben“ ist. Ihre Dominanz erstickte jeden Redebedarf meinerseits, dass ich den Gutschein ja noch nicht genutzt hätte oder „das System“ doch leicht erkennen können müsse, dass ich die Vergünstigung noch nicht genutzt hätte. Im Gegenteil schwang in dem 40-Sekunden-Telefonat zwischen den Zeilen das Urteil über mich mit, wie dumm ich wohl sein müsse, wegen solch einer Klarheit auch noch anzurufen. Daraus ergibt sich die Logik, dass die Frau mit keiner Silbe ihr Bedauern für mich ausdrückte oder mitteilte, es könne tatsächlich eine Komfortverbesserung sein, die Software würde künftig die Gültigkeit des Codes in solchen Fällen reaktivieren.

Wofür ich zweimal per Tastendruck bestätigt hatte, dass das Telefonat aufgezeichnet werden darf, damit sich die Qualität der Kundenbetreuung verbessert, erschließt sich mir auch nicht. Erwähnen möchte ich noch, dass meine vorletzte Fahrt zu einem Geschäftstermin im Schwarzwald bereits in Fellbach endete, weil der komplette Bahnhof in Bad Cannstatt gesperrt war. An Gleis acht war offenbar eine Frau von einem durchfahrenden ICE erfasst worden. Warum wir aber auch auf den Gleisen eins bis sechs nicht passieren durften, verstehe ich nicht. Und die Fahrt vorige Woche nach Branschweig war auch ein Fiasko: Ab Stuttgart hatten wir anfangs zwölf, ab Frankfurt 22 Minuten Verspätung, weil einige Türen technischen Defekt hatten. Und beim Checken, ob ich ab Fulda meinen Anschlusszug bekäme, musste ich lesen, der falle ersatzlos aus. Und der Zug, der eine Stunde später nach Braunschweig fahren sollte, hatte zwölf Minuten Verspätung.

Gut, dass ich bspw. 2003 schon in Indien und 2018 in Thailand war: Dort ist das Unvermögen zu Pünktlichkeit und Verlässlichkeit noch deutlich größer. Ach, fast hätte ich’s vergessen. Als ich am 28. April abends von Basel-Badischer Bahnhof per ICE nach Hause wollte, hieß es, der Zug fahre „heute erst ab Freiburg“. Ich nahm dann gut eine Stunde später stattdessen eine Regionalbahn bis Karlsruhe, von dort eine (verspätete) Regionalbahn nach Stuttgart und dann vollführte ich kurz vor Mitternacht den obligatorischen Sprint um das halbe Bahnhofsterrain von den Gleisen zur S-Bahn. Fünf Minuten dafür für einen 58-Jährigen wie mich mit kaputter Hüfte, Gepäck und Maske ist ganz schön ambitioniert.

Und jetzt kommt ab 1. Juni das 9-Euro-Ticket mit prognostiziert doppelt so hohen Fahrgastzahlen. Ich stelle mir vor, wir wären in der Ukraine. Vermutlich bin ich dann zufrieden mit Preis-Leistung hier in Deutschland. Gute Nacht, deutsche Mobilitätsoffensive. Gute Nacht 1,5-Grad-Klimaziel. Wir rasen mit Vollgas in den Abgrund. Ich bin dabei – und froh, wenn es endlich vorbei ist.

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