Tief durchatmen und reflektieren würde im Alltag schon viel helfen.

Als Wirtschaftsjournalist und PR-Berater ist es üblich, dass ich Informanten meine Texte zum Gegenlesen vorlege, damit sie etwaige Korrekturen darin vornehmen können. Vor Tagen hatte ich einen solchen, recht kurzen Text über ein harmloses Thema einem Gesprächspartner mit der Bitte um Freigabe gemailt. Kurz darauf kam aber nicht die gegengelesene Version, sondern die Mitteilung, mein (kurzer) Text enthalte „eklatante Fehler“ und er werde ihn zeitnah bearbeiten.

Ich fühlte mich beschämt, grübelte, was da offenbar in großer Menge so „eklatant“ falsch war und ärgerte mich, mit dem Textchen noch eine offene Baustelle mehr auf meinem Schreibtisch zu haben. Tage später kam tatsächlich die handschriftliche Korrektur, bei der ich im Wesentlichen den ähnlich klingenden Vornamen des Mitarbeiters mit dem Firmennamen verwechselt hatte. Dazu Korrekturen bzgl. Genauigkeit von Zahlen, die im Journalismus geradezu grotesk und albern wären, und schließlich ein handschriftlicher Passus, der eine meiner gedruckten Passage ersetzen sollte.

Um nicht noch einen Fehler zu machen, leitete ich den Scan 1:1 an die Sachbearbeiterin im Marketing weiter, mit der Bitte, die Korrekturen zu übernehmen. Und dabei machte ich noch einen Fehler. Bereits „angefressen“ durch die Vorgeschichte und im Glauben, die Marketingfrau sei meine Kollegin, lieferte ich ihr eine Begründung mit, ich könne nämlich „das Gekrakel“ nicht lesen. Offenbar hat diese Frau meinem Informanten dies weitergegeben, der sich daraufhin heute Morgen bei mir per Mail beschwerte.

Das ist sein gutes Recht, wobei meine Wertung angesichts der unleserlichen Handschrift auch ihre Berechtigung hatte, zumal bei deren Übertragung wieder Fehler entstehen können. Meine Empörung galt nun aber der Marketingfrau, die entweder unendlich naiv ist oder mir bewußt schaden wollte, obwohl ich letztlich ihr Dienstleister bin, der von außen ohnehin keinen leichten Stand hat. Dabei fehlt mir latent bei allen beteiligten Mitarbeitern, nicht beim Chef, der Respekt, vor der Komplexität meiner journalistischen Arbeit, mit der ich letztlich deren Arbeit ins rechte Licht setzen möchte.

Mehr noch: Ich bringe eine hohe zeitliche, soziale und emotionale Variabilität mit, um all die Abwertungen zu ignorieren, die ich auch höre. So etwa, wenn der andere jammert, was er alles zu tun habe (wo ich höre, was alles wichtiger sei als jetzt auch noch mit mir Trottel sprechen zu müssen) oder sich in seinem Kalender kaum mehr ein freier Termin fände (und ich höre, ich säße nur faul herum). Hinzu kommt, oft auch bei den Freigaben, die vereinzelt mehr an Korrekturen früherer Deutschlehrer erinnern (nur dass die von Sprache mehr Ahnung hatten und ich deren Schüler war), was sich Betriebswirte, Ingenieure oder Juristen erlauben, stilistisch und grammatikalisch in meine journalistischen Texte einzugreifen, nur weil sie in der Schule auch das Fach Deutsch hatten.

Da braucht es viel Demut und psychologisches Bewußtsein, all diese Schatten im (unbewußten) Agieren anderer nicht an mich heranzulassen. Im konkreten Fall aber war meine Schmerzgrenze durch den Vertrauensbruch der Sachbearbeiterin erreicht, zumal ich in den Tagen zuvor schon ähnliche Fehler- und Korrekturerfahrungen hatte. Mir ist auch klar, was da in mir hochpoppt: Es fehlt mir an Wertschätzung für meine Person und meine fachliche Kompetenz.

Was ich den Informanten gerne wissen lassen würde, der selbstverständlich darauf verweist, dass er Wichtigeres zu tun habe als mit mir unsere Beziehung zu klären: Mit „eklatante Fehler“ reaktiviert er all die leidvollen Erfahrungen meiner Kind- und Vergangenheit: Dass ich in der Schule sitzen geblieben bin; dass ich für meinen Vater und meinen Internatsleiter „nicht gut genug“ war; dass ich in zwei gescheiterten Ehen „eklatante Fehler“ gemacht habe und vieles mehr. Und was kommt nach der großen Ansage, die mir drei Tage Ungemach bereitet hat (weil in meinem Unterbewußtsein nicht der Informant sprach, sondern mein Vater und mein Internatsleiter)? Der in seiner Eitelkeit gekränkte Interviewpartner reklamiert, dass ich seinen Vornamen versehentlich verwechselt habe.

Als Therapeut – und deshalb schildere ich diese Sequenz hier – kann ich sagen, dieser Mann hat ein schwaches Selbst, sonst könnte er souverän und barmherzig über meine Verwechslung hinweggehen. Für meine These spricht auch seine zittrige Handschrift. Und was die Frau im Marketing „geritten“ hat, mich dermaßen bloßzustellen? Meine These, aber das ist Spekulation, wäre Neid darauf, wie souverän ich mich bewege. Dabei würde sie verkennen, dass ich seit 30 Jahren hart an mir und meiner Kompetenz arbeite und viele Risiken eingegangen bin, etwa der Selbstständigkeit. Aber auch das ist weit verbreitet: Statt selbst zu wachsen, macht man die anderen möglichst klein.

Und genau so sieht unsere Welt auch aus: Eine Welt voller Verletzter, Geltungsbedürftiger, Nicht-Gesehener. Und statt diese Verletzungen zu heilen, „stürzen“ wir uns in das, was wir landläufig Arbeit nennen. Und danach „stürzen“ sich viele in Konsum und Freizeitstress, weil sie sich dafür „belohnen“ müssen, dass sie ein vermeintlich fremd-bestimmtes Leben führen. Oder sie dröhnen ihre Leere mit Aktionsimus zu. Weil aber die Beziehungen kaputt sind, ist die Welt kaputt. Und deshalb arbeite ich immer mehr als Therapeut und immer weniger als PR-Berater. Auf Instagram findest Du uns unter derlebensberater_no1. Sei willkommen. So wie Du bist.

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2 Comments

  1. Michel

    Hallo Leo, mal wieder schonungslos offen, ehrlich und konfrontativ analysiert und geschrieben!
    Ich würde so etwas nur denken und für mich behalten. Dein Mut in allen Ehren.
    Ich war überrascht, dass unser Rektor dich für nicht gut genug befunden hat. Hat er das dir oder deiner Mutter so gesagt?
    Ich freue mich, dir bald wieder beim Wandern zu begegnen, liebe Grüße Michel

    1. Lieber Michel,
      wie ich sehe, bist Du noch sehr an Fakten orientiert. Nein, das hat der Rektor so explizit nie gesagt, zumindest nicht in der generalisierenden Bedeutung. Kinder SPÜREN aber Ablehnung. Erwachsene übrigens auch. Und phänomenologisch ist nicht entscheidend, WAS war (Fakten), sondern WIE sich etwas in Deinem Unterbewußten festsetzt.
      Und dass Du Ehrlichkeit mit Konfrontation gleichsetzt, was leider viele Menschen tun, sagt mehr über Dich als über mich. Und wen sollte ich in der Anonymität nicht schonen?
      Ja, ich freue mich auch, Dich bald wiederzusehen. Gruß, leo

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