Kurzweilige Doppelmoderation in mitten der Buchhandlung: Dass Christina und Felix harmonieren, spüre ich schon während ihrer unkonventionellen Autorenlesung. FOTO: FROMM

Nein, ich muss nicht in New York gewesen sein, um die Metropole mit ihren acht Millionen Einwohnern halbwegs zu kennen. Die Autorenlesung mit Christina Horsten und Felix Zeltner oder die Lektüre von „Stadtnomaden“, deren Wohnprojekt dort, ersetzen erfrischend authentisch und CO2-neutral die Fernreise in diese Mega-City, die vor allem junge Menschen bewohnen und die nie schläft. Der Ausgangspunkt: Dem deutschen Journalisten-Ehepaar wird wegen der Geburt  von Tochter Emma 2013 die Wohnung gekündigt und im neuen Zwei-Zimmer-Appartement erhöht der Vermieter binnen Monaten die Miete von 2800 auf 3200 US-Dollar. Schon hier bekomme ich einen Eindruck vom fehlenden Sozialstaat in den USA, den düsteren Seiten des „gelobten Landes“, aber auch der Mentalität der jungen Eltern.

Denn in dieser Situation realisieren die gebürtige New Yorkerin, deren deutscher Vater 1983 Diplomat in den USA war, und der Nürnberger Unternehmersohn ihre „Schnapsidee“, monatlich umzuziehen und dabei von der Bronx über Brooklyn, Manhatten, Queens und Staten Island auf allen Hauptinseln gewohnt zu haben, die die größte und sicherste Stadt der USA bilden. Und zum Auftakt bietet ihnen ein lokaler Freund, der die Idee cool findet, für die ersten vier Wochen eine Bleibe an, die er eben frisch renoviert hat.

Während die dpa-Korrespondentin und der freie Journalist, der die Volontäre des Burda-Verlags ausbildet, Konferenzen zur Zukunft der Arbeit organisiert und für deutsche Blätter schreibt, referieren, lassen sie bei der Buchhandlung Osiander in Schorndorf einen fetten Schlüsselbund durch die Reihen der 60 Zuhörer gehen: Die Schlüssel ihrer 14 Wohnungen, die ihnen die Vermieter als Souvenir und Vertrauensbeweis überließen. Aber auch, weil New Yorker sehr häufig die Schlösser zu ihren Appartements austauschen. Zur Sicherheit.

Inspiriert wurde das Wohnprojekt durch eine Künstlerinitiative, die bereits zehn Jahre zuvor begonnen hatte, über Nacht ihre Ateliers zum Schlafen zu vermieten. „Daraus ist in New York ein Business entstanden, weil sich immer mehr Künstler auf die Liste setzen ließen und auch ihre Wohnungen oder WG-Zimmer befristet vermieteten,“ führt Felix uns Provinz-Zuhörer in die Kultur dieser Stadt ein. Demnach ziehen US-Amerikaner, die zur Hälfte als Migranten bereits außerhalb der Staaten gelebt haben, generell elfmal innerhalb des Landes um. In Europa liege dieser Wert bei 4,5 Mal.

Und weil die jungen Eltern die Stadt geradezu exzessiv von innen heraus kennenlernen wollten, umfasste das Projekt die Idee, in jeder Adresse die Nachbarn zum Essen einzuladen, um möglichst viel über den Stadtteil und seine Bewohner zu erfahren. So tauchten sie etwa in Chinatown, wo sie gleich zu Beginn über ihr Netzwerk einen Kitaplatz für 800 Dollar im Monat für Tochter Emma bekamen, der üblicherweise 2000 Dollar in der Stadt kostet, tief in die asiatische Kultur ein. In Harlem dagegen intensiv in die westafrikanische.

Einmal saßen sie einem Fake auf, der sie 1400 Dollar Lehrgeld kostete: Ein Betrüger hatte via Airbnb unter fingierter Adresse gegen Vorauskasse eine Wohnung vermietet, die es nicht gab. Mit den Monaten, so erzählt das eloquente Duo, habe sich ihr Projekt herumgesprochen und erste lokale Medien berichteten über die verrückten Deutschen, so dass sie zunehmend aus Offerten wählen konnten, wo sie bleiben wollten. Highlight sei Washington Heights gewesen, wo sie am schmalsten und höchsten Punkt Manhattens im Antiquariat ihres Vermieters mitgewohnt hätten, umgeben von 15.000 Büchern. Dies sei das einzige Mal gewesen, dass der Vermieter mit gewohnt habe, was den Vorteil gehabt habe, dass der belesene „Curt“ ihnen unendlich viel über Land und Leute erzählen konnte.

In Seagate, so Christina, die mittlerweile ein zweites Kind geboren hat und während des Präsidentschaftswahlkampfs beruflich massiv gefordert war, hätten sie am Ende des Experiments im Sommer sogar einen Privatstrand gehabt, weshalb die Idee kam, so weiterhin zu wohnen – mit nur zwei Koffern und einer Kiste Spielsachen. Doch das Angebot einer dauerhaften Wohnung sei zu verlockend gewesen und mehrere Verlage hätten sie eingeladen, über ihre Erfahrungen ein Buch zu schreiben.

Vor der lebhaften Fragerunde zum Abschluss formulierten die Autoren ihre Quintessenz aus dem Projekt: Sei bereit, Dich zu trennen (von Hausrat). Mach es Dir schön (auch in Möbeln anderer). Kenne Deinen Wohntyp (z.B. „Nach-außen-Wohner ohne Vorhänge und viele Accessoires“). Sprich mit den Menschen um Dich (statt sie nur zu grüßen). Verlasse Deine Komfortzone (unsoziale Vermieter als Chance). Folge Deinen Schnapsideen (und vertraue dem Leben). „Stadtnomaden – wie wir in New York eine Wohnung suchten und ein neues Leben fanden“ ist im Benevento-Verlag erschienen, kostet 16 Euro und umfasst 300 Seiten in 17 Kapiteln.

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