Unser Ziel in der Männerarbeit: Sichere Orte schaffen, wo Männer sich zeigen können, auch mit ihrer Angst, ihrer Verzweiflung – und ihrem Hass. In Schorndorf sind uns all diese Männer und ihre Gefühle willkommen. FOTO: FROMM

Drazen Dakic, der am 15.09.2017 in Villingendorf seinen sechsjährigen Sohn nach dessen Einschulung in der Wohnung der Mutter erschoss und dabei auch deren neuen Lebensgefährten und dessen Cousine tödlich traf, war in einer allgemein bekannten schlechten psychischen Verfassung. Das bestätigte sein Bruder Goran dem kroatischen Nachrichtenportal 24sata. Demnach nahm der Bruder „viele Medikamente und konnte nachts nicht schlafen“.

Die Gründe glaubt Vater Kresmir Dakic zu kennen: Seine Schwiegertochter habe sich 2016 wegen finanzieller Probleme von seinem Sohn getrennt. Drazen habe erzählt, er dürfe seine Kinder nicht mehr sehen. Der Opa des getöteten Enkels wird in den Medien zitiert: „Ich kann nicht fassen, dass Drazen das getan hat.“ Im Fußballverein Croatia Singen, wo der ehemalige Soldat gekickt hatte, sagt ein früherer Mitspieler über den 40-Jährigen, er sei nie sonderlich aufgefallen.

Die Tatwaffe, so die Polizei, stammte vermutlich aus jugoslawischen Militärbeständen und wegen Gewaltdelikten war Dakic vorbestraft. Zum Gefährdungsszenario passt, dass er seit August Annäherungsverbot an die neue Wohnung hatte, wohin die Mutter mit dem neuen Partner in das 3300-Einwohner-Dorf zugezogen war. Demnach war polizeibekannt, in welch unberechenbarem Zustand ihr Ex-Mann war und welche potentielle Gefahr von ihm ausging. Fünf Tage später wurde Dakic übrigens zwölf Kilometer vom Tatort entfernt, wo er sich offenbar im Freien versteckt hielt, gefasst.

So weit ist der Text eine Nachricht, wie wir sie fast wöchentlich in den Medien lesen können: Ein überforderter Täter, meist sind es Männer, erschießt seine Angehörigen, läuft Amok wie in Winnenden oder München, rast mit dem Auto in eine Menge oder rastet in anderer Form aus. Und sobald man die Hintergründe der Tat beleuchtet, gibt es meist viele Indizien, die auf die Gefahr hinweisen. Doch Reaktionen darauf gibt es meist keine, geschweige denn Hilfe.

Die psychotherapeutischen Angebote, zumindest jene, die die Kassen zahlen, sind heillos überlastet. Wer eine Therapie braucht, wartet oft neun Monate, sofern er überhaupt einen Ersttermin bekommt, bis seine Behandlung beginnt. Aus der Psychologie aber wissen wir, dass jeder Mensch töten kann. Es kommt nur auf die Umstände und den Leidensdruck an.

Zum Glück ist das physische Töten die Ausnahme. Doch in Form von Aggression ist sie nahezu dauerpräsent in unserer Gesellschaft: Die unzähligen Facetten reichen vom offenen Angriff oder der heimlichen Sabotage bis zu Formen der Selbstzerstörung einerseits durch verschiedenste Süchte und Zwänge oder andererseits der Depression.

Die Gegenmittel der Selbstheilung heißen Awareness (Achtsamkeit) und Resilienz (Widerstandskraft). Denn wenn ich mit mir selbst achtsam bin, spüre ich früher, wann ich eine Grenze erreiche, ab der ich nicht mehr im Lot bin, mich also nicht mehr unter Kontrolle habe und deshalb wie fremd gesteuert funktioniere. Diese Achtsamkeit kann man trainieren. In der Gruppe und allein. In dem man sich die Auslöser für solche Situationen und die Grenze bewusst macht.

Die Resilienz wiederum ermöglicht, diese Grenzen immer weiter ins Außen zu verschieben, um innerhalb der eigenen Persönlichkeit mehr Spielraum zu haben, in dem man handlungsfähig bleibt. Denn das Außen kann ich nahezu nie ändern, aber mein eigenes inneres Verhältnis dazu. Das versteht man unter Resilienz. Dabei helfen Betrachtungen und Haltungen wie: Situationen nicht bewerten oder gar persönlich nehmen, sondern sie nur wahrnehmen und äußerstenfalls darüber staunen. Vermeintliche Fakten eben aus einer anderen Warte zu sehen.

Im Fall von Dakic hätte das heißen können, ihm unterstützend seine Verzweiflung über die Trennung zu spiegeln und darin seinen Schmerz zu würdigen. Der 40-Jährige hätte in seiner Überforderung mit der Situation einen sicheren Ort gebraucht, an dem er in Gemeinschaft zumindest stundenweise zur Ruhe kommen und sich neu sortieren kann. Dann hätte er vielleicht erkennen können, dass die Mutter nicht ihn ablehnt, sondern die schlimm gewordene Situation und dass er nun zwar seine Familie verliert, aber nicht seine Kinder.

Bei MKP Deutschland arbeiten wir in Form eines gemeinnützigen Vereins so für und mit Männern. Wir schaffen bundesweit mittlerweile gut 30 solcher sicheren Orte, an denen sich Männer vierzehntägig oder monatlich treffen, um an sich zu arbeiten, Netzwerke zu knüpfen und miteinander Spaß zu haben. Die Gruppenleiter haben sich innerhalb des Vereins, dessen Wurzeln in den 1970er-Jahren in den USA liegen, in Trainings, Workshops und Selbsterfahrung das therapeutische Wissen und Praktizieren erarbeitet. Damit und mit den international identisch praktizierten Methoden und Ritualen sind sie qualifiziert, diese Abende, die sogenannten I-Groups, zu halten und in Prozessen mit Männern zu arbeiten.

Dabei entstehen Netzwerke, in denen Männer auch im Alltag füreinander da sind und Leid miteinander teilen. Denn hier treffen junge Väter mitten in der Trennungsphase auf 50- und 60-Jährige, deren Scheidungen teils 20 und mehr Jahre zurückliegen. Diese Männer kennen den Schmerz der Neuen und zeigen diesen zugleich auf, dass man diese Krisen überleben und günstigerweise daran reifen kann. Ähnlich verhält es sich mit Themen wie Süchten aller Art, Berufskrisen oder anderen Schicksalen wie Verlust eines geliebten Menschen.

Bei MKP International gilt der Grundsatz: Verzweifelte Männer sind gefährlich, an sich arbeitende Männer ein Segen für ihr soziales Umfeld. Nach dieser Devise erlebt MKP Deutschland, das über England vor rund 15 Jahren hierher kam, aktuell einen Aufschwung: Die 30 Regionalgruppen erstrecken sich mittlerweile über nahezu ganz Deutschland, der Verein hat mehr als 300 Mitglieder und bundesweit sind gut 1000 Männer initiiert, haben also ein Trainingswochende durchlebt, an dem sie sich mit ihren finsteren Seiten, aber auch ihren Talenten befasst haben.

Ich selbst, Leonhard Fromm (54), gehöre MKP seit 2013 an, habe 2014 die Regionalgruppe in Schorndorf gegründet und ein Jahr später auf Grund der Nachfrage eine weitere Gruppe in Schwäbisch Hall. Von 2010 bis 2012 habe ich nach zwei Scheidungen eine Ausbildung zum Gestaltpädagogen (IGBW) gemacht und 2012 bis 2016 zum Gestalttherapeuten (Treskulon). Seit zwei Jahren arbeite ich auch als Business-Coach mit Teams und im Einzel mit Menschen, die sich verändern wollen.

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