Dr. Andrea Bergler (l.), Leiterin des Schormdorfer Stadtmuseums, hat gut lachen: Ihre Vortragsreihe ist jedes Mal gut besucht. Wie beim Mal zuvor mit Prof. Dr. Sabine Holtz. FOTO: ARCHIV

Dass sich am Thema Wein die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters darstellen lässt, hat Dr. Daniel Kuhn in Schorndorf meisterlich belegt. Im Martin-Luther-Gemeindehaus machte der Lehrbeauftragte für Geschichte und Politik an der PH Schwäbisch Gmünd deutlich, dass Wein ein Ausdruck für Wohlstand war und lange Zeit die Ersatzwährung für Geld.

Im 16. Jahrhundert nahm die Stadt Schorndorf 150.000 Liter Wein als Steuer ein, da die Weinbauern in Naturalien bezahlten. Die Stadt bezahlte ihrerseits ihre Verwalter in Wein und die Äbte rechneten den Unterhalt je Mönch ebenfalls so. Wenn es also in alten Schriften heißt, dass ein Mönch fünf Liter am Tag bekam, spiegelt das nicht dessen Konsum wider, sondern dessen Wert bzw. Unterhaltsbedarf.

So kaufte der Abt von Elchingen dem Magistrat der Stadt Schorndorf fast ein Drittel seiner Menge ab. Für Kuhn der Beleg, dass dieser Wein Handelsware war, die mit Aufpreis per Donau verschifft wurde nach Österreich und Ungarn. Der Mitherausgeber von „Die Geschichte des Weins in Baden und Württemberg“: „Ein Indiz, dass der hiesige Wein trinkbar und von besserer Qualität war.“

Dafür hatte zuvor die Obrigkeit gesorgt, die professionelle und überdachte Baum-Keltern errichten ließ, an denen die Bauern ihre Trauben abliefern mussten. Somit hatten die Herren die Kontrolle über die Menge und damit die Abgaben. Deshalb war es bei den Bauernaufständen seit dem 12. Jahrhundert immer eher die abgabepflichtige Mittelschicht, Bauern, Schankwirte und Handwerker, die aufbegehrte und weniger die Knechte und Mägde, so der Historiker.

Alkohol war seit der Antike ein Kulturgut, wobei dies lange Zeit eher eine trübe, schäumende Brühe mit maximal zwei Promille Alkoholgehalt war, so Kuhn. Das älteste Weinfass der Region stammt aus dem zweiten Jahrhundert n.Chr. und weil die ältesten Kelterfunde auf das 5./6. Jh. datieren, liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass zuvor der Wein aus Italien importiert wurde. Wer ihn trank, galt als wohlhabend. Und auch später fanden diese Importe aus diesem Grund weiter statt.

Wurden anfangs Tonbecher benutzt, weil die Brühe niemand sehen wollte, kamen mit der Zeit Gläser auf, in denen besserer Wein gezeigt und gerochen werden konnte. Als sich dann im 12. Jh. Gläser durchgesetzt hatten, trank die Obrigkeit aus veredelten Pokalen, um sich vom gemeinen Volk abzuheben. Und weil die Steuern in Form von Wein erhoben wurden, betrieben die Regierenden zunehmend Schankstätten, in denen sie den Wein zu Geld machten. So gelangte dessen Konsum in die Öffentlichkeit und erneut begann eine Differenzierung, wer mit wem in welchem Wirtshaus welchen Wein trank.

Weil der Wein aber auch für die katholische Liturgie unverzichtbar ist, um die Hl. Messe im gültigen Ritus zu feiern, war dessen Verfügbarkeit und Logistik seit dem 2. Jh. weltweit zentral. Mit dieser Nachfrage begann die Weinkultur und im 11./12. Jahrhundert professionalisierten die Klöster mit ihrer Kapital- und Arbeitskraft den Weinbau. Neben die kleinräumigen Weingärten für den privaten Gebrauch rückten die großflächigen und arbeitsintensiven Weinberge, in denen Trollinger, Heurisch, Scheurebe und Riesling wild durcheinander angebaut und gelesen wurden.

Diese Durchmischung streute das Risiko von Ernteausfällen durch Frost oder Pilzbefall. Im 11. Jh. wurde auch Schorndorf im milden Remstal gegründet und erste Nennungen von Lagen sind aus dem 13. Jh. dokumentiert. Ab 1450 wurde der Wein geschönt und verfeinert, so dass neben dem Anbau der Ausbau an Bedeutung gewann. Die Dreingabe von Senf oder Schinken etwa beendete den Gärprozess und die Zugabe von Holunder- oder Himbeersaft intensivierte Farbe und Aroma. Es wurde experimentiert, Erfahrungen dokumentiert und Wissen ausgetauscht, was typisch für die aufkommende Renaissance war, die eng mit Wissenschaft, Forschung und Bildung verbunden ist.

Weil der Wein im 16. Jahrhundert in allen Stufen seiner Wertschöpfung besteuert wird, weichen immer mehr Zecher auf Bier aus, dessen Entstehungsgeschichte auf der Basis von Getreide ähnlich verläuft. Der Klimawandel behindert den Weinanbau zusätzlich; in Kriegen werden vor allem die Agrarflächen des Gegners in Brand gesetzt und zerstört und die Pest schließlich dezimiert die Bevölkerung dermaßen, dass für Weinanbau die Arbeitskräfte fehlen. In der Folge geht dessen Anbau bis ins 19. Jh. massiv zurück und erfährt erst eine Renaissance als der Markgraf von Baden und der Herzog von Württemberg Lehrversuchsanstalten für Weinbau gründen und Brachflächen reaktivieren.

In Summe hält Kuhn fest, dass der Weinbau ein zentraler Faktor bei der Territorialisierung  und bei den Bauernaufständen war. So endete der Aufstand „Arme Konrad“ im 16. Jh. mit dem „Tübinger Frieden“, bei dem erstmals Bürgerrechte manifestiert wurden. Die Reformation brachte neben der Auflösung der Klöster als Wein-Produktionsstätten, die von Beamten meist in denselben Liegenschaften fortgesetzt wurden, in der Liturgie den Laienkelch, wodurch sich die Mengen ausweiteten. Und weil am Fest des Hl. Urban im Frühjahr die Reben geschnitten wurden, trug man dessen Statue durch die Flure, um Schäden abzuwenden. Auf diese Weise wurde Urban zum Schutzpatron des Weinbaus.

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